DER MANN HAT DEN BOGEN RAUS – Josef Lehmann

Vor der Bücherwand im Wohnzimmer liegt ein Bogen - zum Schießen, nicht zum Geige spielen.

Vor der Bücherwand im Wohnzimmer liegt ein Bogen – zum Schießen, nicht zum Geige spielen. Josef Lehmann spielt Gitarre und Akkordeon. „So a bissle“, meint der hoch gewachsene Mann bescheiden. Der in seiner Geburtsstadt Ellwangen lebende Fotograf macht viel „a bissle“. Der schwäbische Volksmund würde ihn ein „Käppsele“ nennen.

Fast 30 Jahre sind es her, dass Josef Lehmann bei einem Besuch in Dresden dieses mittlerweile historische Motiv vor die Linse gekommen ist – Trabi mit Zirkus.

Der gelernte Finanzbeamte musste erst ins Schwabenalter kommen, um sich seine erste Spiegelreflexkamera zuzulegen. Der Not gehorchend. Eine analoge Canon war das, vor fast 30 Jahren. 15 Jahre lang hat er in Ellwangen als Stützpunkttrainer für Badminton gewirkt. Bei der Teilnahme an einer Meisterschaft in Heilbronn musste er betrübt feststellen, dass es von den meisterlichen Federballwechseln keine Bilder gab. Auf den ersten Apparat folgten weitere.

1994 ist er bei der Volkshochschule in Aalen als Dozent für Fotografie eingestiegen. Zuvor hatte er dort an einem Schwarzweiß- foto-Kurs teilgenommen. Daraus entstand ein Fotoclub, in dem sich der Oberkoche- ner Gerd Keydell um die Arbeit mit Farbe kümmerte. Fachbereichsleiterin Claudia Hinsen meinte dann eines Tages, er könne doch auch bei der VHS einsteigen – und hatte ihn ermuntert: „Du kannst das!“ Man kann ihr tatsächlich nur schwer widerstehen. Er hatte keine Chance – und konnte.

Rund 1500 Teilnehmende in diesem Vierteljahrhundert danken es ihm und ihr.

In seinem Jubiläumsjahr denkt Josef Lehmann ans Aufhören. Die Arbeit mit der Kamera hat er für sich ausgereizt. Nicht wenige Ellwanger werden sich noch daran erinnern, wie er in die Fenster des alten Finanzamts großformatige Porträts ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingepasst hat. Im Wortsinne hat er das Innere nach außen gekehrt. Ebenfalls 2004 hat er zum Jubiläum des Torhauses in Aalen im Projekt „Innen und Außen II“ dessen Schaufenster mit 32 menschengroßen Bildern von „Torhausmenschen“ bevölkert.

Jetzt ist sein Interesse für die Fotogram- me entflammt. Ein fast raumhohes Bild im Wohnzimmer zeigt auf verwaschenem blassblauem Grund eine liegende Gestalt. Modell lag Floris Michael Neusüß, den er bei Workshops und einer Sommerakademie im Kloster Irsee kennenlernen durfte. Der experimentelle Fotokünstler, documenta-Teilnehmer und emeritierte Professor für Fotografie an der Kunsthochschule Kassel hat sich auf die Herstellung von Fotogrammen spezialisiert. Einfach gesagt, werden die Objekte direkt auf einen lichtempfindlichen Grund gelegt und nur mit dem Tageslicht belichtet. Das dafür

benötigte Spezialpapier wurde jedoch nur in der Schweiz hergestellt. Josef Lehmann hatte sich noch ein großes Blatt gesichert, bevor die Firma die Produktion eingestellt hat. Sein kostbarster Fotoschatz. Vor dem Neusüß-Bild steht eine Holzskulptur. Sie zeigt ein markantes, gut aus dem Material

herausgeschlagenes und -geschnittenes Haupt. Unverkennbar das ihres Schöpfers. Resultat eines Bildhauer-Workshops. Er war einfach neugierig gewesen, ob er das auch könne. „Mich hat immer fasziniert, et- was Neues zu machen“, erklärt er. Deshalb hat er während der 30 Jahre, in denen er für das Finanzamt als Betriebsprüfer unterwegs gewesen ist, die unterschiedlichsten Projekte in Angriff genommen. Rund vier Jahre hat er beim TSV Ellwangen Tango und Salsa unterrichtet; mit Robert Hauber hat er den Ellwanger Triathlon aus der Tau- fe gehoben. Viele Jahre hat er das Theater der Stadt Aalen als Fotograf begleitet – bis zur Ausstellung „Es war Schoen!“ zum Tod des charismatischen Gründungsintendanten. Viele Jahre hat er als Bildreporter der lokalen Tageszeitungen Ereignisse aller Art abgelichtet. Viele Jahre hat er…- würde man alles aufzählen, hätte man bestimmt etwas vergessen.

Josef Lehmann wäre nicht böse darüber. „Vorbei ist auch vorüber“, heißt eines sei- ner persönlichen Postulate zum Leben. Nach all den praktischen Projekten will er nach seinem Ruhestand 2015 auch mal „etwas Intellektuelles“ machen, verrät er lächelnd. 2017 hat er mit der Ausbildung zum Trainer für Interkulturelle Kompetenz schon damit begonnen. Gleichzeitig hat er mit der Ausstellung „Migration-Integration“ im Rathaus Ellwangen das Ergebnis eines sechsmonatigen Workshops mit Schülerinnen und Schülern des Hariolf-Gymnasiums präsentiert, während dem sie auch in der Landeserstaufnahmestelle (LEA) recherchiert haben. Und seit vier Jahren absolviert der Mann, der im Heute für die Zukunft lebt, ein Master-Studium für Angewandte Ethik an der Katholischen Hoch- schule in Freiburg. Zur Zeit brütet er über seiner Masterarbeit „Migration-Integration der 40er-60er Jahre“.

Josef Lehmann blickt zum Bogen vor dem Bücherregal. Ja, meint er, Bogenschießen sei eine gute Möglichkeit, sich in Konzentration zu üben. Weil er das Sportgerät jedoch schon seit längerem nicht mehr bedient hat, muss er zuerst seine Armmuskulatur wieder stärken. Sonst kann er den Bogen nicht spannen. Wetten, dass er bald wieder einen Pfeil einlegt, um ausnahmsweise mal etwas „Altes“ zu machen.

Wolfgang Nußbaumer

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