„NIMM DIR FREI, AUCH VON DIR SELBST.“

Christof Herrmann lebt minimalistisch. In seinem neuen Buch „Das Minimalismus-Projekt“ gibt er „praktische Ideen für weniger Haben und mehr Sein“.

„Weniger ist manchmal mehr“, sagt ein altes Sprichwort. Und schon Aristoteles lehrte in der Antike, dass menschliches Glück mit Maßhalten einhergeht. In unserer Zeit, in der zunehmender Stress die Sehnsucht nach Entschleunigung schürt und die Smartphone-Addiction das Bedürfnis nach Digital Detox, wird der Trend zu einem „anderen“ Leben immer deutlicher sichtbar. Christof Herrmann, der als Programmierer die Digitalisierung aus nächster Nähe kennt, hat vor acht Jahren seinem Leben einen neuen Weg gegeben – im Zeichen des Minimalismus. Inzwischen betreibt er auf einfachbewusst.de den meistgelesenen deutschsprachigen Minimalismus-Blog. Hier geht es zudem um Themen wie Wandern, vegane Ernährung und Nachhaltigkeit. Vor Kurzem erschien nun sein Buch „Das Minimalismus-Projekt – 52 praktische Ideen für weniger Haben und mehr Sein“, über das er uns berichtet.  

Christof, worum geht es in deinem Buch?

Mein Buch ist keine klassische Einführung in das Thema Minimalismus, sondern ein Potpourri an Wegen und Tipps, wie man das Leben einfacher und zufriedener gestalten kann. Ich beschränke mich nicht auf das materielle Ausmisten. Auch in anderen Bereichen kann man sich vom Ballast lösen. Jeder hat seine eigene(n) Baustelle(n). Die vielen Termine. Das Chaos im Kopf. Das Smartphone, dessen intensive Nutzung gar nicht smart ist. Der Beruf, der keine Berufung ist … Nach meiner Erfahrung macht die minimalistische Lebensweise Zeit und Energie frei für das, was einem wichtig ist, etwa die Leidenschaften, Familie und Freunde.

Du selbst hast also nicht nur Tipps zusammengetragen, sondern lebst auch minimalistisch?

Fast alles, was ich in dem Ratgeber empfehle, habe ich selbst ausprobiert oder setze ich um.

Gab es ein Leben vor dem Minimalismus?

Ich vereinfache mein Leben seit 15 Jahre. Davor hatte ich ein „normales“ Leben. Nine-to-five-Job, der gut bezahlt war, mir aber keine Freude bereitete. Zu viel Kram, zu wenig Zeit. Kaum Bewegung, hanebüchene Ernährung, Übergewicht. Ich war ausgelaugt und unzufrieden.

War deine Wende zum Minimalismus ein „schleichender Prozess“ oder gab es ein Schlüsselerlebnis?

Mir war bewusst, dass ich im Hamsterrad meinem Burnout entgegenhechelte. Zum Glück fand ich den Mut, alles hinzuschmeißen und neu anzufangen. Ich kündigte Job, Wohnung, die meisten Versicherungen – und ging auf Radweltreise. Diese 20.000 Kilometer und eineinhalb Jahre waren mein Schlüsselerlebnis. Alles, was ich zum Leben und Glücklichsein brauchte, passte in fünf Fahrradtaschen. Nach meiner Rückkehr wusste ich, dass ich nicht in mein altes vollgestopftes Leben zurück möchte. Ich wollte wie unterwegs einfacher und bewusster leben.

Der Lockdown hat uns einige Wochen lang entschleunigt und aus dem Überfluss gezogen. Wird sich diese Erfahrung in Form einer minimalistischen Haltung in der Bevölkerung auswirken?

Ich fürchte nein. Unser ganzes System ist auf ewiges Wachstum ausgerichtet. Haste was, biste was, haste mehr, biste mehr. Wirtschaft und Politik wollen das so und letztendlich auch wir selbst, denn die meisten spielen das Spiel mit. Ich denke aber, dass der Corona-Lockdown ein Mosaikstein ist, der den Weg in eine Gesellschaft mit einer minimalistischeren und nachhaltigeren Haltung pflastern könnte. Weitere Mosaiksteine sind zum Beispiel die Postwachstumsökonomie, das bedingungslose Grundeinkommen, Fridays for Future und die Transition Towns.

Stress, Hektik, permanente Verfügbarkeit, Verpflichtungen, zu viel von allem – so sieht unser Leben aus. Wie sind diese Strukturen entstanden, die eigentlich keiner mag?

Ich habe mich damit nicht wissenschaftlich auseinandergesetzt. Aber neben dem seit den 1950er Jahren steigenden Konsum – jeder Bundesbürger besitzt im Schnitt 10.000 Gegenstände – kommen in immer kürzeren Abständen Errungenschaften der modernen Welt dazu. Um ein paar zu nennen: PC, Ryanair, Internet, E-Mail, Mobiltelefon, Digitalkamera, iPod. Couchsurfing, Skype, Facebook, Smartphone, E-Reader, Tablet, WhatsApp, Airbnb, Spotify, Alexa, Smartwatches. Jede dieser Errungenschaften kann unser Leben bereichern. Sie raubt aber zugleich Zeit – nicht nur um sie zu verwenden, sondern auch um das Geld dafür zu verdienen, sie auszuwählen und zu kaufen, heimzubringen oder zu installieren, ihre Verwendung zu erlernen, sie zu pflegen und irgendwann zu löschen, abzugeben oder zu ersetzen. Und da so viele dieser Errungenschaften um unsere Aufmerksamkeit buhlen, stresst uns das. Wir denken, Multitasking ist die Lösung, aber es macht das Chaos nur perfekt. Zweierlei sollte man immer im Hinterkopf behalten: Der Tag wird immer nur 24 Stunden haben. Die Lebenszeit verkürzt sich mit jedem Augenblick.

Neben deiner minimalistischen Lebensart gibt es noch andere Facetten, die damit verbunden sind …

Ja. In dem Buch und auf meinem Blog geht es nicht nur um Minimalismus, sondern auch um Nachhaltigkeit, eine gesunde, rein pflanzliche Ernährung, Bewegung und Fernwandern. Diese Themen sind mir wichtig. Sie sind für mich alle miteinander verbunden. Das Fernwandern etwa ist Minimalismus in Reinform, denn ich tue dabei tage- oder wochenlang nichts außer gehen, essen und trinken, mich und meine Klamotten waschen und schlafen. Trotzdem fehlt es mir an nichts. Ich erlebe das Gehen als Meditation. Der Kopf wird frei, das Herz weich. Das Fernwandern und das Naturerlebnis verpflichten mich außerdem zu Nachhaltigkeit. Denn wenn wir unseren Planeten zu Grunde richten, ist es vorbei mit dem Naturerlebnis. Und die pflanzliche vollwertige Ernährung ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern schenkt mir Leichtigkeit und Power, dass ich bei Bedarf 40 Kilometer oder mehr gehen kann.

Welche drei Tipps möchtest du unseren Leserinnen und Lesern für einen Start mit auf den Weg geben?

Erstens Ausmisten zuhause: Gehe mit einem Korb oder einer Kiste durch deine Wohnung und packe alles ein, was du nicht mehr (ge)brauchst. Du shoppst sozusagen rückwärts. Die Sachen kannst du verschenken und spenden. Ein Verkauf kostet Zeit und lohnt sich meist nur, wenn ein höherer Preis zu erwarten ist. Zweitens Ausmisten im Kopf: Sorge und ärgere dich nicht über Dinge, die du nicht ändern kannst. Du verschwendest wertvolle Lebenszeit. Konzentriere dich auf das, was du beeinflussen kannst. Wenn du ein Problem hast, suche nach Lösungen. Frage dich, was du jetzt tun kannst, damit sich deine Situation verbessert. Drittens Ausmisten im Terminkalender: Plane einfach mal nichts. Lebe wie früher in den großen Ferien in den Tag hinein. Du wirst wieder durchatmen, den Kopf freibekommen, Stress abbauen und Kraft tanken. Habe keine Angst, etwas zu verpassen oder als unproduktiv zu gelten. Du bist kein Roboter. Du nimmst dir frei, auch von dir selbst, weil das essenziell für dein geistiges und körperliches Wohlbefinden ist.

Zum Buch

Christof Herrmann: Das Minimalismus-Projekt – 52 praktische Ideen für weniger Haben und mehr sein

Verlag: Gräfe und Unzer (GU)

Erscheinungsdatum: 2. September 2020

Preis Buch: 17,99 € (Hardcover, 240 Seiten), E-Book: 14,99 €

Zum Autor

Christof Herrmann, Jahrgang 1972, lebt in Nürnberg und betreibt mit www.einfachbewusst.de den meistgelesenen deutschsprachigen Minimalismus-Blog. Er ist zudem begeisterter Fernwanderer und Reisejournalist. 2012 ließ er seinen Beruf als Programmierer hinter sich und änderte sein Leben.

Text: Dr. Christian Liederer | www.scriptory.de

 

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Buch & KritikKultur

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