KULTUR IN BEWEGUNG

Theatermacherin Gerburg Maria Müller zieht alles Neue magisch an; ihre künstlerische und soziale Neugier ist ungebremst.

Als Clown Fantasie hat Gerburg Maria Müller vor 28 Jahren beim Aalener Kinderfest für das gerade aus der Taufe gehobene The- ater der Stadt Aalen Flagge gezeigt. Heute schreibt sie selbst Stücke für das Theater, führt Regie, leitet die Jugendkunstschule der VHS in Schwäbisch Gmünd, spielt selbst noch Theater – und ist Geschäftsführerin des Projekts New Limes. Dieses firmiert in- zwischen als „Wir – Kultur in Bewegung“. Soziales Engagement, Integration, Prävention – einst und heute stehen diese Aufgaben ganz oben auf ihrer Agenda. Deshalb scheucht sie „Das kleine Zebra“ schon morgens um 7 Uhr aus dem Bett, in das sie vor sechs Stunden erst gesunken ist. Das Theaterstück „Das kleine Zebra“ mit ihr im gestreiften Kostüm ist im Jahr 2000 als Kooperation zwischen dem Theater der Stadt Aalen und der Verkehrserziehung der damaligen Polizeidirektion Aalen entstanden und wird seit 2001 als Gemeinschaftsprojekt zwischen der „WIR – Kultur in Bewegung“ sowie der Polizei und der Unfallkasse Ba- den-Württemberg weitergeführt.

Damals hat sie den Polizeibeamten Thomas Maile kennengelernt, mit dem sie viel in Kindergärten und Schulen unterwegs gewesen ist, um den Kleinen zu zeigen, wie man sicher nach Hause kommt. Ihm hat sie es zu verdanken, dass Schwäbisch für sie nicht mehr Chinesisch klingt. „Brestlengsgsälz“ (Erdbeermarmelade) ver- steht sie mühelos und isst es deshalb auch unbeschwert. Nur selbst „Schwäbisch schwätza“ klappt nicht. In der Nähe von Aachen aufgewachsen, verweigert sich ihre Zunge standhaft dem auf der Ostalb gepflegten Idiom. Maile hat sie indes noch mit einem Virus infiziert, der sich wie eine Epidemie verbreitet hat. „Pecha Kucha“ – die freie Rede über ein bestimmtes Thema anhand von in der Regel 20 Bildern in einer bestimmten Zeit (6:40 Min). Bei ihrem Auftritt im Juni 2017 im Aalener Weststadtzent- rum hat sie bei der Schilderung ihres eigenen „Migrantenschicksals“ um eine ganze Minute überzogen! Was allerdings bei der viel beschäftigten Frau verzeihlich ist.
Nach zwei Abstechern nach Mannheim 2010 und 2013 ist sie 2014 zur Landesgartenschau wieder nach Schwäbisch Gmünd zurückgekehrt. „Der OB Arnold wollte ein Projekt mit Geflüchteten machen“, erklärt sie.

WO BITTE GEHT’S ZUM PARADIES?

Für ein Telefoninterview haben wir Gerburg Maria Müller in ihrem Büro in der Jugendkunstschule erreicht. Die Arbeit dort mache ihr „wahnsinnig viel Spaß“, sprudelt es aus ihr heraus. Diese Formulierung verwendet sie noch öfter. Nach wie vor zieht sie alles Neue magisch an; ihre künstlerische und soziale Neugier ist ungebremst – und ihre Fähigkeit, beides unter einen Hut zu bringen, phänomenal. „Kultur in Bewegung“, das bedeutet für sie, die Kultur in Bewegung zu halten, damit sie die Menschen bewegt. Als Beispiel erwähnt sie ihr vom Bündnis für Demokratie und Toleranz gegen Extremismus und Gewalt als „vorbildliches“ Projekt ausgezeichnete Stück „Jungfrau ohne Paradies“, in dem drei Jugendliche mit Rassismus und Nationalismus konfrontiert werden, der aus persönlicher Enttäuschung und Frustration mit religiösem Fanatismus als Treibstoff erwächst. Bewusst hat Gerburg Maria Müller (GMM) dieses provozierende Stück als mobile Produktion angelegt. „Ich kann als Mensch nichts anderes machen, als damit in die Klassenzimmer zu gehen, um mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen“, erklärt sie.

MIT RECHTEN POPULISTISCHEN
PAROLEN KONFRONTIERT

Manchmal muss sie schon schlucken, wenn sie dort nach einer Aufführung ihres anderen Stückes „Fake Paradise“ mit rechten populistischen Parolen konfrontiert wird. Diese Fake News über die Flüchtlinge würden doch stimmen, hört sie immer wieder. Im Gespräch, so ihre Erfahrung, lässt sich so manches Vorurteil ausräumen. „Gerade bei schwierigen Stücken ist der Dialog mit dem Publikum ganz wichtig.“ Das Stück hat sie zusammen mit ihrer Theaterpartnerin Alessandra Ehrlich in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen schon rund 200 Mal aufgeführt. Geleitet von einem Postulat, das einst der allzu früh verstorbene Gründungsintendant des Theaters der Stadt Aalen, Udo Schoen, so formuliert hat: „Theater muss man immer ganz nah an die Realität heranzuführen, ohne die Kunst zu opfern.“ Der charismatische Theatermacher vertrat auch eine inszenatorische Philosophie, die häufig sehr lange Aufführungen bedingt hat: „Man muss den Stücken treu bleiben; das heißt, die Texte möglichst wenig antasten. Das ist man den Autoren schuldig“.

FÜR DIE WERTE DER DEMOKRATIE WERBEN

Den Schulterschluss zwischen Fiktion und Wirklichkeit suchen die beiden Theaterfrauen in ihren Stücken; und weil sie diese selbst schreiben, können sie diesen auch locker treu bleiben. In der Kürze liegt die Würze. Umso mehr Zeit bleibt für das aufklärende Gespräch im Geiste Schillers, der das Theater als „moralische Anstalt“ betrachtet hat. Wer jetzt an den pädagogischen Zeigefinger denkt, liegt völlig daneben. Es geht darum, Bewusstsein zu schaf- fen. Da kommt es ihr zugute, dass sie bei sich „ein Superfaible fürs Moderieren“ entdeckt hat. Wenn sie zusammen mit Alessandra Ehrlich in den Klassenzimmern für die Werte der Demokratie wirbt, ist dieses Talent Gold wert.

Den hat sich Frau Müller nicht aus Italien mitgebracht. Den Musikus Uli Krug. Den Mann, der mit Leidenschaft in das ganz große Horn stößt, hat sie in Mannem (Mannheim) im Quartier Jungbusch kennengelernt. Jetzt wohnt er zusammen mit ihr im Schloss Laubach. „Welche Rolle spielt er in deinem Leben?“, fragen wir ganz ungeniert. „Wir ergänzen uns prima“; mehr lässt sie nicht raus. Und für ihre Arbeit? Er komponiert und arrangiert die Musik für ihre Stücke. Und weil er als Musikpädagoge gut mit Menschen umgehen kann, kommt auch die Musik gut an.

DIE STORY VOM PFERD

Letzte Frage: Wie hält sich die Regisseurin, Stückeschreiberin, Schauspielerin, Jugendkunstleiterin und und und für alle diese Aufgaben fit? Wir hören etwas von „zwei Mal in der Woche Sport machen“. Erzählt sie uns die Story vom Pferd? Mitnichten. Eines spielt noch immer eine ganz wichtige Rolle im Leben der Gerburg Maria Müller. Der „Kleine Onkel“. Er war schon dabei, als sie vor vielen Jahren in einer traumhaften Freilichttheateraufführung in Aalen die Pippi Langstrumpf gespielt hat. Jetzt knabbert der betagte Vierbei- ner im Nirgendwo der Ostalb auf einer saftigen Wiese sein Gnadenbrot. Und wahrscheinlich fühlt er sich wie die Frau, die einst auf ihm zum Theatererfolg geritten ist. Die sagt mit einem munteren Lachen: „Ich bin ein sehr glücklicher und zufriedener Mensch.“

Für Neugierige zum Kennenlernen. Für Fans zum Mitmachen. Der nächste Termin: Pecha Kucha Night Aalen #42 2.Oktober 2019, Löwenbrauerei, Aalen.

Text: Wolfgang Nußbaumer

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