DER REITER MUSS FÜHREN

DER REITER MUSS DER ANFÜHRER SEIN UND BESTENFALLS AUCH DIE GESCHWINDIGKEIT UND DIE RICHTUNG BESTIMMEN.
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Tatjana Kost versteht es, präzise zu kommunizieren – auch ohne Worte. Die diplomierte Pferdeverhaltenstrainerin arbeitet mit Gestik und Mimik, auch mit dem Wechsel von Nähe und Distanz. Wenn nötig setzt sie ihre Stimme ein. Gewalt jedoch ist tabu. Tatjana Kost wird immer dann gerufen, wenn es Probleme zwischen einem Pferd und seinem Besitzer gibt.

Dass ein Pferd mal steige oder durchgehe, sei zwar nicht wünschenswert, aber dennoch in seiner Natur angelegt, erklärt Tatjana Kost. Denn, so die Expertin: „Pferde sind Fluchttiere.“ Der Reiter muss der Anführer sein und bestenfalls auch die Geschwindigkeit und die Richtung bestimmen. Doch leider sei manch Pferdebesitzer von diesem Idealzustand weit entfernt. Man müsse als Mensch für ein Pferd so präsent und vertrauenswürdig wie möglich erscheinen. Oder es werde ebenfalls nervös. Das ein Pferd ruhig bleibt und alles mitmacht, hängt also von der Führung des Menschen ab.

Für viele Reiter stellt sich die Frage: Wie komme ich an diesen Punkt, und zwar im Sinne des Pferdes? Verläuft der Weg dahin nicht optimal, wird das Pferd Verhaltensstörungen entwickeln. Zaunlaufen oder das Koppen fallen darunter. Wenn das Pferd koppt, öffnet es mittels Anspannen der Unterhalsmuskulatur den Schlund und zieht Luft in die Speiseröhre. Es entsteht ein rülpsendes Geräusch. Manche Pferde verletzen sich auch selbst, indem sie sich beißen. Andere beißen den Besitzer, schlagen aus oder lassen sich nicht anfassen, auch nicht halftern.

Problempferde wie diese haben vielleicht auch Angst in einen Hänger zu gehen. Der Akt des Verladens wird so zur Zerreißprobe für alle Beteiligten – den Menschen und das Tier. Bevor man allerdings eine Verhaltensstörung diagnostiziere, so Tatjana Kost, müsse erst ausgeschlossen werden, dass nicht Schmerzen die Ursache für Verhaltensstörungen sind. Alle möglichen körperlichen Ursachen müsse man ausklammern. Doch was, wenn selbst der Tierarztbesuch ein Problem darstellt?

Spätestens dann ist man als Pferdebesitzer an einem Punkt angekommen, an dem man alleine, ohne professionelle Hilfe, nicht mehr weiter kommt. Die Wende bringen dann Menschen wie Tatjana Kost. Pferdeverhaltenstrainer, die Psychologen für die Tiere. Mit ihren Trainingseinheiten schafft sie eine Basis zwischen Pferd und Mensch, auf der aufgebaut werden kann. Dazu bedarf es eines gewissen Maßes an Respekt. Ohne Respekt gebe es kein Vertrauen, denn wenn sich ein Pferd respektlos verhält, nimmt es den Menschen schlicht und ergreifend nicht als „Führungspersönlichkeit“ wahr. Doch anstatt mit dem richtigen Maß an Konsequenz, Geduld und Liebe zu arbeiten, werde oft mit Härte, Strafe und Druck gearbeitet.

Doch wer mit Gewalt arbeitet, verschaffe sich keinen Respekt, weiß Tatjana Kost. Das Pferd werde noch unsicherer und fürchte sich auch. Das münde in einen Teufelskreis aus Unklarheiten. Ruhe sei im Umgang mit Pferden ganz wichtig. Es sei menschlich, dass man auch negative Emotionen zeige. Doch Gefühle wie Wut kenne ein Pferd nicht und könne diese auch nicht einordnen. Mache ein Mensch zu schnelle Bewegungen oder schreit oder werde gar grob und ausfällig, dann könne es auch sein, dass nach vielen Therapiestunden das alte Verhalten des Pferdes wieder durchbreche. Dann müsse man wieder von vorn anfangen.

Den richtigen Umgang mit Pferden lernte Tatjana Kost bereits in früher Kindheit. Die elterliche Wohnung lag direkt neben einem Reitstall, aufgewachsen ist sie in Lorch. Oft durfte sie die Mutter während der Arbeit im Stall begleiten, auch die Freunde der Familie besaßen Pferde. Mit zwei Jahren sei sie das erste Mal auf einem Pony gesessen. Ihre Mutter, eine naturverbundene Frau von Beruf Gärtnerin, habe ihr nicht nur die Liebe zur Natur beigebracht, sondern auch vermittelt, wie wichtig es sei, Respekt vor den Lebewesen zu haben. Dass ein Lebewesen kein Gegenstand sei, den man nach Lust und Laune bedienen könne, habe sie früh erfahren. „Wer etwas von einem Tier erwartet, muss auch bereit sein, etwas dafür zu geben“, erklärt sie. Die Pflege und das Versorgen der Pferde gehören auch dazu, bereits als Kind habe sie im Stall geholfen. Ihr damaliger Traumberuf: Ponyhofbesitzerin.

Doch bis sich ihr Traum erfüllte, sind einige Jahre vergangen. Nach ihrem Schulabschluss macht sie die Ausbildung zur Arzthelferin. Tatjana Kost liebt nicht nur Tiere, sondern auch Menschen. Der Drang zu helfen scheint ihr in die Wiege gelegt zu sein. Die Arbeit mit den Pferden pflegt sie als Hobby. Doch nach zehn Jahren wurde ihr bewusst, dass sie hauptberuflich mit Pferden arbeiten will: „Ich will den Menschen helfen, ihre Pferde besser zu verstehen und anders herum, damit die Kommunikation zwischen Mensch und Tier besser werden kann.“ Sie entschied sich für ein Studium und schloss dies mit einer Diplomarbeit ab. „Ich brenne für diesen Job und ich gehe darin auf“, meint Tatjana Kost. „Pferde sind von Natur aus skeptisch, klaustrophobisch und panisch veranlagt. Es liegt an uns, ihnen zu helfen in unserer Welt zurechtzukommen“, weiß die Therapeutin. Ein Pferd könne jedoch nur so mutig sein, wie man selbst. Und sie stellt fest: „Unsere inneren Bilder und unsere Einstellung zu unserem Tun und zu unserem Pferd müssen harmonieren.“ Wer nicht authentisch sei, sollte nicht von seinem Pferd erwarten oder gar einfordern, dass es sich an einem orientiere.

Wie gut die Beziehung zum eigenen Pferd wirklich sei, merke man, wenn man die Komfortzone des Pferdes verlässt. Die eigene, innere Haltung spiele dabei eine bedeutende Rolle. Eine genaue Analyse von aufeinanderfolgenden Reaktionen und Aktionen sei hier unabdingbar. Nur so könne eine weitere Vorgehensweise für Pferd und Besitzer gefunden werden, um einen gemeinsamen Weg zu ebnen, auf welchem das Pferd lernt, die Führungsqualität des Besitzers nicht infrage zu stellen. Wichtig sei auch, das Pferd nicht abrupt aus seiner Komfortzone zu reißen, denn ansonsten komme eine Überforderung mit Reiz-Überreaktionen zustande, was wiederum das Vertrauen in den Besitzer zerstöre. Oft seien es kleine Fehler, die den Reitern, beziehungsweise den Besitzern gar nicht bewusst sind. Manchmal hätten die Leute Angst und Respekt vor dem eigenen Pferd. Bis zu einem gewissen Grad sei dies verständlich. Doch zu viel Angst vor möglichen Unfällen bringt Anspannung in die Pferd-Menschbeziehung. Ihr Tipp: „Dem Pferd entspannt gegenübertreten.“ Fehlverhalten der Pferde entwickle sich oft nach und nach. Was den Menschen in den Augen eines Pferdes ihrer Erfahrung nach diskreditiere, sei, wenn er seine negativen Emotionen nicht unter Kontrolle habe, sondern sich von ihnen beherrschen lasse.

„Auf ein Pferd, das aus Angst gehorcht, ist kein Verlass. Es wird immer etwas geben, vor dem es sich mehr fürchtet, als vor dem Reiter. Wenn es aber seinem Reiter vertraut, wird es ihn fragen, was es tun soll, wenn es sich fürchtet.“ Antoine de Pluvinel

„In jedem Pferd schlummern verborgene Talente, Vorlieben, aber auch Abneigungen“ so Tatjana Kost. Die Aufgabe des Besitzers sei es, die Persönlichkeit des Pferdes kennenzulernen. Lob sei im Training unerlässlich, denn es motiviere und schaffe Raum für Aufmerksamkeit und Konzentration. Dabei könne man getrost auf sein Gefühl vertrauen, denn man spüre, welche Art von Belohnung das Pferd als positiv empfinde. Wichtig sei, das immer ganz individuell zu entscheiden. Klar sei: „Indem wir unser Pferd weder über- noch unterfordern vermeiden wir Konflikte und Spannungen.“ Pferde merken innere Spannungen noch deutlicher als Menschen. Sie haben feine Antennen. Wieso also verübeln die Menschen den Pferden dann im Gegenzug ihre dementsprechende Reaktion? Mit Spannungen können Pferde nicht umgehen ebenso wenig mit Zeitdruck und Hektik. Tatjana Kost rät jedem, der sich ein Pferd anschaffen möchte, ehrlich selbst ein paar Fragen zu stellen: Wer bin ich? Was will ich? Wie viel bin ich bereit, zu investieren an Zeit, Kraft, Geld und Energie? Und welche Rasse, Charakter, Alter passt gut zu mir? Ein Pferd zu haben, sei Mode geworden. Guter Job, guter Verdienst, da erfülle sich so mancher diesen Traum. Doch sollte man sich unbedingt auch über die bevorzugte Rasse informieren. Denn jede habe andere Eigenschaften. Auch eigne sich nicht jede Rasse für jede Sportart. Tatjana Kost hat selbstverständlich auch Pferde, vier an der Zahl: Keks, Fino, Bandit und Motte. Und die werden sehr vielseitig beschäftig unter anderem mit Dressur, Springen, Geländereiten und Freiarbeit. Im vergangenen Jahr hat sich Tatjana Kost mit ihrem Lebensgefährten einen weiteren Traum erfüllt, das Paar hat sich eine alte Mühle in Weitmars bei Lorch gekauft, die jetzt liebevoll Stück für Stück renoviert werden soll. Für das Jahr 2020 hat die diplomierte Pferde- trainerin noch einen weiteren Wunsch offen: „Ich würde so gern aufgrund der besonderen Atmosphäre an einem Jagdritt teilnehmen.“

Text: Susanne Rötter // Fotos: BOEKHAUS. com

 

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