VON HARTER HAND IN FORM GEBRACHT

Bildhauer Siegfried Luffler

Wem Siegfried Luffler die Hand gibt, der spürt sofort mit wem er es zu tun hat. Fest ist ihr Druck, eine kräftige, harte Hand – eine Bildhauerhand. Vertrauen schaffend. Seine Skulpturen sind zusammen mit großformatigen Aufnahmen des in Ellwangen lebenden Pädagogen und Fotografen Frank Keller bis 31. März im Ärztezentrum in Ellwangen gegenüber vom Bahnhof zu sehen.

Dem gelernten Bauzeichner, der in Ilshofen wohnt und wirkt, war der Bezug zur Kunst in die Wiege gelegt. Seine Eltern hatten das kreative Talent ihres Buben rasch erkannt und gefördert. Statt zum Malstift griff er allerdings lieber zum Schnitzmesser, Stecheisen und Klöppel. Material, um die Formideen umzusetzen, lag ja reichlich rum. Denn der Vater besaß eine Schreinerei. „Krippele“ entstanden, allerlei Getier, ein röhrender Hirsch – alles blitzsaubere Arbeiten, die auch ihre Käufer fanden.

In seinem Brotberuf blieb Luffler geraume Zeit erfolgreich der Holzschnitzerei treu. Bis ihn die Malerei lockte. Mit Aquarellfarben, mit Airbrush, mit Kreide und Acryl; geleitet von einer Überzeugung, die er in seinem Bildband „Zurück zur Skulptur“ so formuliert: „Alleine durch stetiges Handeln und dem Bestreben, sich selbst zu ‚ent-wickeln’ würde ich zu meiner mir eigenen künstlerischen Ausdrucksweise finden.“ Dieses „ent-wickeln“ schreibt er mit Bindestrich. Auspacken steckt da drin, zu sich selbst finden. Auch Geduld mit sich selbst haben. Und mit den Teilnehmern seiner „workshops“, in denen er seine Erfahrung weitergibt. Seit 2010 konzentriert sich der Autodidakt auf die Arbeit mit Holz. Die Gestalt im Raum hat Lufflers Tochter Pia in dem erwähnten Buch mit Bravour en gros und en detail liebevoll in Szene gesetzt. Man freut sich über klassische Schnitzerei, bei der auch die Kettensäge zum Einsatz kommt. Die Sujets sind jedoch weniger klassisch. Wir begegnen einer Frau auf Shoppingtour, einem Spaziergänger, treffen wiederholt auf Wartende. Alle diese Schöpfungen ruhen in sich – und weisen damit über sich hinaus. Nicht alle sind „lässig“ wie der coole Typ mit dem grünen Tuch um die Hüften. Gelassen schon!

Gerade die Details wie das grüne Tuch geben den Skulpturen den entscheidenden „Kick“. Exemplarisch in seinen „Technogonen“, Gestalten aus altem Holz und technischen Fundstücken. Mit sprödem Charme gefällt eine Dame im schlichten Holzgewand, der Hals des Werkzeugkopfes geschmückt mit einer Eisenkette. Ihre herbe Anmut korrespondiert indes mit einer materialen Ironie, die letztlich über die Darstellung hinaus Siegfried Lufflers jüngstem mit Farbe angereichertem skulpturalem Schaffen eigen ist. Auf dem Weg durch das Ärztehaus macht man mit der „Wellness“ Bekanntschaft. Die nackte Blondine hält sich ein grünes Tuch vor den ranken Leib. Was mag da wohl der „Denker“ auf der anderen Seite des Treppenhauses denken? Grün ist die Farbe der Hoffnung. Die flotte Frau dürfte auch dem aus Fichte geschnitzten „Jungen Mann“ auf seinem Holzsockel, der wiederum auf einem hohen Podest steht, nicht entgangen sein. Der Bildhauer aus Ilshofen erweist sich in seinen Holzarbeiten, in denen er einfallsreich mit dem Größenverhältnis von Figur und Sockel spielt, selbst als knitzer Querdenker. Das bestätigt nicht zuletzt die gockelnde Pose eines adipösen Boxers in grüngestreiften Shorts.

Dazu darf man noch auf zwei Exponate aus seinem Bildband hinweisen. Das eine ist die „Stele Frau“. Die Figur blickt selbstbewusst über die linke Schulter von ihrer im Goldenen Schnitt proportionierten hohen Warte. Die andere Figur nennt der Bildhauer grammatikalisch widerborstig „Der Zebra“. Weil es sich eindeutig um einen gestreiften Mann handelt. Da er ebenfalls auf einem hohen Sockel steht, müsste Luffler wohl einen Berg-Zebra-Mann porträtiert haben. Weil diese wehrhafte, äußerst bissige und nicht domestizierbare Spezies vom Aussterben bedroht ist, ist dringend davon abzuraten, den gestreiften Typen als Querungshilfe zu benützen. In seinem Fall heißt es: Betreten verboten. Dazu fällt mir Rolf Zuchowskis Kinderlied ein: „Zebrastreifen, Zebrastreifen, mancher wird dich nie begreifen.“ Da muss es sich doch um Kunst handeln.

Wolfgang Nußbaumer

Foto: Wolfgang Nußbaumer

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Kultur

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