Der Prozess – der Weg, auf den es ankommt

Andere Gastarbeiter schickten ihre Kinder in die Fabriken, um zu arbeiten. Annabella Akçal hingegen sollte studieren. Das wollten ihre Eltern so. Denn Bildung war für sie sehr wichtig.

Sie ist die Frau, die für „ihr Leben gerne tanzt“ und seit 21 Jahren keinen Fernseher mehr hat aber dennoch die Filmfestspiele verfolgt. Sie ist Impulsgeberin der Lyrikaden, dem Sprechchor der Friedenswerkstatt e.V. Mutlangen und begeistert sich für die Einmachküche. Sie liebt als Kind türkischer Eltern die deutsche Sprache, ist als gelernte Krankenschwester einmal wöchentlich auf der Wachkoma-Station tätig und putzt so gerne, dass sie sogar schon mal einen Workshop übers Putzen bei Linda Thomas besucht hat. Momentan inszeniert sie mit den Theatergruppen des SGV und TSV Böbingen Shakespeares „Sommernachtstraum“ für die Remstalgartenschau 2019. Sie hat das Backen für sich entdeckt und vor zwei Jahren das Bella-Theater in Schwäbisch Gmünd eröffnet. Annabella Akçals Biographie und Interessen klingen spannend. Und sind es auch.

„Mein Vater, selbst ein Schauspieler, wollte dass ich Schauspielerin werde“, blickt Annabella Akçal zurück. So dominieren im Fotoalbum der jugendlichen Annabella Bilder bei der Pantomine. Mit 15 Jahren erlernte sie die Mimenkunst bei Peter Makal, der selbst ein Schüler des großen Mimen Marcel Marceau war. „Bildung war unseren Eltern immer sehr wichtig“, erzählt sie. Während andere Gastarbeiter-Eltern ihre Kinder in die Fabrik schickten, sollten ihre Kinder studieren. Die kleine Tochter tat’s, die große auch und die „mittlere“ Annabella, Jahrgang 1970, erlernte zunächst nach dem Abitur am Gmünder Scheffold-Gymnasium den Beruf der Krankenschwester. „Ich bin froh, diesen Beruf gelernt zu haben, Menschen zu pflegen will gelernt sein“, sagt sie zufrieden. Wenn sie auch mit 27 Jahren erkennen musste, dass der Beruf in ihre erste Ehe gehört hatte und nicht zu ihr.

Sie erfuhr „irgendwie zufällig“ beim Jobben im Naturkostladen „Aura“, dass an der Theater Akademie in Stuttgart ein Dreifachstudium angeboten wurde. Sprachgestaltung, Theaterpädagogik und Schauspiel reizten sie. Innerhalb kürzester Zeit bereitete sie sich aufs Vorsprechen in Trier vor und begann im September 1997, mittlerweile 27 Jahre alt, ihr Studium, das sie nach fünf Jahren vollendete. Nach ihren Anfängen in der Theaterpädagogik verschlug es sie in die Regieassistenz, die ihrem Wesen mehr zusage. Denn Annabella Akçal bezeichnet sich selbst als „keine ausführende Person“, eher als diejenige, die alles durchdenken, durchleben muss.

Viel zu durchleben gibt es bei den Lyrikaden. Hier treffen sich wöchentlich die unterschiedlichsten Menschen, die allesamt Spaß an der Sprache haben und „Friedensarbeit mit dem gesprochenen Wort“ und somit den achtsamen Umgang der Menschen untereinander im Fokus haben. „Unser nächstes Projekt dreht sich um Krieg und Frieden. Ich ging mit der Behauptung: „Die Frauen verursachen den Krieg” auf die Frauen zu. Dann machte natürlich auch Empörung in der Runde breit“, sagt Annabella Akçal. Nach rund zwölf bis 18 Monaten wird so ein Theaterstück entstehen, bei dem Sprache lebendig wird. Als Sprachgestalterin weiß sie, wie „Worte zu ihrem Recht kommen, mehr Gewicht bekommen, so dass sie der Sprechende regelrecht schmecken kann und der Hörer die Sprache lebendig erleben kann“. Treffpunkt ist jeweils im Bella-Theater, das sie vor zwei Jahren in Schwäbisch Gmünd eröffnet hat. Seither hat sie dort Coachings und Workshops und Theaterkurse für Kinder und Erwachsene veranstaltet – am 5. Oktober soll Premiere des ersten aufgeführten Stückes sein: „3 mal Leben“ von Yasmina Reza sein.
Bepackt mit Leben widmet sich Annabella Akçal ihrem Tun. So auch, wenn sie einmal wöchentlich im Dienst auf der Wachkoma-Station des Seniorenzentrums St. Anna in Schwäbisch Gmünd ist. Hier nimmt sie, die sich sonst im Gedichteschreiben verlieren kann, den im Wachkoma liegenden Menschen an. Annabella Akçal bezeichnet sich als melancholisches Wesen, die sich gerne in ihr Schreibzimmer im Haus oder in ihre Schreibstube im Garten – den herrlich eingerichteten ehemaligen Hühnerstall mit Blick auf den hübschen Bauerngarten, in dem alles „in geregelter Ordnung“ wachsen und gedeihen darf, zurückzieht. Und mit dem festen Wissen: Der Prozess ist der Weg, auf den es ankommt.

Treffpunkt: Bella-Theater, Schwäbisch Gmünd. Dort veranstaltet sie Coachings, Workshops und Theaterkurse für Kinder und Erwachsene.

Text: Sandra Fischer // Foto: Ingrid Hertfelder

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