DIE RESIDENZ DER GNADENLOSEN

Das „Hotel Silber“

Eine Postkarte war das letzte Lebenszeichen von Lina Hatje. Die Gestapo hatte sie am 23. Dezember 1942 in das „Hotel Silber“ vorgeladen und in „Schutzhaft“ genommen. Sie war denunziert worden. Sie habe einem Nachbarn die Weihnachtsgans vom Balkon gestohlen. Dieser Vorwurf war Anlass ihrer Verhaftung, sie wurde am 21. März 1943 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet.

Der Kommandant der Flak-Batterie oberhalb des kleinen Dorfes bei Heidelberg bleibt unerbittlich. Sollten die da unten die Kirchenglocken läuten lassen, um der anrückenden US-Division Friedenssehnsucht zu signalisieren, würde er die Rohre seines Geschützes nicht mehr nach oben, sondern nach unten richten – und feuern. Was er zum Entsetzen der Dorfbewohner auch tat. Wie viele andere dieser Kriegsverbrecher wurde er nicht bestraft. Stattdessen hat er wenige Jahre später seinen Dienst als Hauptkommissar in Stuttgart angetreten, wie der SWR dieser Tage erinnert hat.

Die Zentrale im „Hotel Silber“ war unmittelbar
zuständig für die Landkreise Backnang, Böblingen,
Calw, Esslingen, Schwäbisch Gmünd, Göppingen,
Leonberg, Ludwigsburg, Nürtingen, Vaihingen/Enz
und Waiblingen.

Wie jener furchtbare Marinerichter, der dort von 1966 bis 1978 als Ministerpräsident in Amt und Würden gewesen ist. Ein Dramatiker hat Hans Filbinger, dem der SPD-Politiker Erhard Eppler ein „pathologisch gutes Gewissen“ attestierte, dann zu Fall gebracht – Rolf Hochhuth. Literatur ist mitunter doch wirkmächtig. Unter Despoten kann sie sich allerdings gegen den Urheber richten, wie das Schicksal eines Bruders im Geiste von Hochhuth, Christian Friedrich Daniel Schubart lehrt. Dem Journalisten, Dichter und Musiker, der in Aalen aufgewachsen ist, brachte seine Kritik an Württembergs Herzog Carl Eugen zehn Jahre Haft in der  „Fürstengruft“ auf dem Hohenasperg ein.

DIE KOMMUNISTIN LINA HAAG

In der NS-Zeit befand sich im „Hotel Silber“ eine steile Wendeltreppe. Sie führte in den Keller und zu den drei Verwahrzellen des „Hotel Silber”. In diesen wurden die Gefangenen bis zum Verhör festgehalten. Im Mai 1936 wurde die in „Schutzhaft” genommene Kommunistin Lina Haag aus Schwäbisch Gmünd über die Wendeltreppe zu einer der Zellen gestoßen. In ihrem 1947 veröffentlichten autobiografischen Bericht ist die Szene eindrücklich beschrieben.

Ob Stuttgart nun ein gutes Pflaster für ehemalige Nazis und andere Kriegsverbrecher gewesen ist, um nach dem Kriege Karriere zu machen, sei dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass sich in der Landeshauptstadt die Zentrale der Gestapo für Württemberg und Hohenzollern befunden hat. Im „Hotel Silber“. Einst ein Wirtshaus „Zum Bayrischen Hof“, hat es 1873 ein Heinrich Silber erworben und erweitert. 1903 ist hier der ADAC (zunächst als Deutsche Motorradfahrer-Vereinigung) aus der Taufe gehoben worden.

Ansichtskarte vom “Hotel Silber” und dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal, 1902

1910 hat es die württembergische Staatsfinanzverwaltung gekauft. Von 1919 bis 1928 hat das Gebäude die Oberpostdirektion beherbergt, bevor die Politische Polizei und das Polizeipräsidium und 1933 die Schergen der Geheimen Staatspolizei eingezogen sind. Heute erinnert eine Dauerausstellung an die für so viele Menschen leidvolle Geschichte. Im Flyer lesen wir: „Hier im ‚Hotel Silber‘ berichteten bereits in der Weimarer Republik Polizeispitzel über Staatsfeinde und politische Störenfriede – und wen sie dafür hielten. Hier unterschrieben Gestapoleute Erlasse, die für Tausende von Menschen in Württemberg und Hohenzollern Überwachung, Verfolgung, Verschleppung und Tod bedeuteten. Hier arbeiteten nach der NS-Zeit ehemalige Verfolgte und Verfolger Tür an Tür zusammen.“ Mit Sicherheit wäre Schubart in der NS-Zeit dort verhört, inhaftiert und möglicherweise in einer der Kerkerzellen im Keller ermordet worden. Einer Initiative zahlreicher Organisationen, darunter der Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“ mit dem ehemaligen Landtagsvizepräsidenten Dr. Alfred Geisel als Vorsitzendem des Sprechergremiums der Regionalgruppe Baden-Württemberg, hat sich für den Erhalt des zum Abbruch vorgesehenen Gebäudes im Herzen der Stadt und für dessen Nutzung als Lern- und Gedenkort unter Federführung des Hauses der Geschichte eingesetzt. Der Besuch lohnt sich in mehrfacher Hinsicht.

Das Innere ist in der ersten Etage unverändert geblieben mit seiner bedrückenden Amtsstubenenge, in der dennoch genügend Platz bleibt für die vielen erhellenden Exponate, meist schriftliche Zeugnisse. Auf der Landkarte des physischen Terrors erkennt man, dass der Arm der Gestapo bis in die hintersten Winkel des Landes gereicht hat. So erfährt man, dass im Ellwanger Hinterland bei Ellenberg 1942 ein französischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter hingerichtet worden ist. In der ehemaligen Oberamtsstadt Ellwangen befand sich von 1934 bis 1943 im Gebäude Marktplatz 2 eine Außendienststelle der Gestapo, deren Leiter von 1938 bis 1943 Christof Dick gewesen ist. Er wechselte dann nach Ulm. Ins Visier der Nazis sind nicht nur Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, sondern

„DIE FÜR IHRE ÜBERZEUGUNG, IHREN FREIEN GEIST UND IHREN AUFRECHTEN GANG GELITTEN ODER SOGAR IHR LEBEN GELASSEN HABEN.“

auch politische und religiöse Gegner, die Kritik an der NS-Regierung geübt haben. Ein Gedenkbuch im Landtag erinnert an 329 Abgeordnete, „die für ihre Überzeugung, ihren freien Geist und ihren aufrechten Gang gelitten oder sogar ihr Leben gelassen haben“, wie die Präsidentin des Landtags, Muhterem Aras bei dessen Vorstellung am 20. März 2019 formuliert hat. Umso empörender ist die Tatsache, dass ein anderer furchtbarer Richter, der Vorsitzendes des Sondergerichts Stuttgart, der Senatspräsident Hermann Cuhorst – verantwortlich für rund 100 Todesurteile zwischen 1937 und 1944 – nach dem Krieg nicht zur Rechenschaft gezogen worden ist. „Viele Mitglieder des Sondergerichts Stuttgart machten ab 1950 wieder Karriere im Justizdienst“, stellt der Prospekt zur Dauerausstellung „NS-Justiz in Stuttgart“ im Landgericht der Landeshauptstadt lapidar fest. Justitias Binde war über dem rechten Auge offenkundig besonders dick. Das erklärt viele der milden Urteile im Zuge der Entnazifizierung. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, wie der Volksmund weiß. Womit wir wieder bei dem Flak-Kommandeur angekommen wären, der in Stuttgart als Hauptkommissar Karriere gemacht hat. Man darf vermuten, dass er im „Hotel Silber“ Seite an Seite mit den wenigen Kollegen gesessen hat, die keinen Dreck am Stecken hatten. Info: Aufgrund der aktuellen Lage rund um das Corona-Virus sind alle öffentlichen Veranstaltungen zunächst bis Ende August 2020 abgesagt worden. Mehr Informationen unter www.geschichtsort-hotel-silber. de Zumindest virtuell kann man das Hotel durchstreifen.

Vor einem deutschen Gericht hatte ein Angeklagter (ehemaliger Beschäftigter
der Staatspolizeileitstelle Stuttgart) gute Chancen, straffrei zu bleiben.
Ganz anders bei Prozessen im Ausland: Hier kam es fast immer zu einer
Verurteilung, acht Mal wurde gar die Todesstrafe verhängt.

Im April 1945 flohen
die Gestapo-Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter. Viele gingen in den
Untergrund. Das „Hotel Silber“
blieb jedoch nur eine Woche
verwaist. Nach der Besetzung
Stuttgarts durch die französische
Armee zogen im April 1945 der
neue Polizeipräsident und die
nun kommunale Kriminalpolizei
in den erhalten gebliebenen Teil
des Gebäudes ein.

Text: Wolfgang Nußbaume// Fotos: Haus der Geschichte Baden-Württemberg; Stadtarchiv Stuttgart

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Geschichte

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