DIE KLAVIATUR DER LEISEN TÖNE

Literatur und Kunst in Szene setzen - zur Sprache bringen.

„Gesuppt habe ich, gesuppt und gesuppt“, stöhnt die junge Schauspielerin nach der Freilichtsaison. Alles hat sie gegeben. Jetzt fühlt sie sich leer. Einfach leer. Zuerst muss sie mental noch die Suppe vollends auslöffeln. Kein Nachschlag. Dafür Ruhe. Die Batterie muss wieder aufgeladen werden.

Was diese Frau einmal im Gespräch mit dem Autor drastisch beschrieben hat, trifft auch auf Susanne Lange-Greve zu. Sie lebt unterm Rosenstein in Heubach. 1983 hat sie ihre Sprachmächtigkeit bereits als Preisträgerin bei dem Wettbewerb „Jugend schreibt“ in Baden-Württemberg unter Beweis gestellt. Zu jener Zeit hat sie schon an der Universität Hildesheim „Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis“ studiert, wie der Studiengang heute heißt. Ihre sich anschließende Arbeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin hat sie 1994 mit einer Promotion zu Literaturausstellungen abgeschlossen.

Als selbstständig arbeitende Autorin und Kunstschaffende muss sie sehen, wo die Brötchen herkommen. Selbst schreiben, als Herausgeberin fungieren, Vorträge halten, Ausstellungen ausrichten und in sie einführen, eigene und fremde literarische Texte und Bildwelten inszenieren – und für sich selbst auf diesem Aufgabenberg ein kleines Zwischenlager einrichten, wo sie Literatur und bildende Kunst unter einen Hut bringen kann. Ein Quantum Trost für eine ausgepowerte Kreative. Obwohl sie auf so vielen Hochzeiten tanzt, ist die schlanke Frau mit dem halblangen Lockenhaar und dem ausdrucksstarken Gesicht keine Powerfrau. Im Gegenteil; eher scheu, zurückhaltend sei ihr Naturell, verrät Susanne Lange-Greve. Als Lyrikerin bewegt sie sich mit sicherem Gespür für das treffende Wort auf der Klaviatur der leisen Töne:

„ALS WÜRDEN DIE LEBENSGEISTER NUR AUF TÖNEN FLIEGEN AUF UND DAVON IMMER DEN KLÄNGEN NACH DURCH DIE LUFT HÖHER BIS AN DIE GRENZE DES HIMMELS BIS DAS BLAU SCHWINDET BIS DIE LEERE UM SICH GREIFT BIS RUHE EINTRITT

Das Gedicht liest sich fast wie ein Mantra für ihre aktuelle Situation. Viele Jahre hat sie sich nur mit anderen beschäftigt. Beispielhaft nennt sie den sudetendeutschen Schriftsteller, Übersetzer und Journalisten Josef Mühlberger, der 1985 in Eislingen/ Fils gestorben ist. Über ihn hat sie im Einhornverlag in Schwäbisch Gmünd und in der vom Leiter des Schriftgut-Archivs Ostwürttemberg in Heubach-Lautern, Rainer Wieland, herausgegebenen Buchreihe „Unterm Stein. Lauterner Schriften“ einige Bücher veröffentlicht.

Seit 1991 arbeitet Dr. Susanne Lange-Greve selbstständig als freie Autorin und Kunstschaffende.

Seit sich Lange-Greve mehr Zeit für sich genommen hat, nimmt ihr „Wort-Bildzeichen-Projekt“ immer mehr Gestalt an. Darin will sie ihre Leidenschaften für das Wort und die bildende Kunst unter einen Hut bringen, indem sie die beiden innewohnende Zeichenhaftigkeit in eine neue Ausdrucksform bringt. Auf einer alten Schreibmaschine hat sie verschiedene Wortschöpfungen auf Papier getippt, diese ausgeschnitten, auf einen Papierbogen aufgeklebt und mit Buntstift-Zeichnungen kombiniert. Entstanden sind so „Wunderkammern“ und „Wortsedimente“, „Kontinente“ und „Plattenzauber“. In ihren Zeichnungen reduziert die Künstlerin ihre formalen Mittel auf die Vertikale und die Horizontale und eine Linie, die beide umschließt. Die Kreuzform symbolisiert die menschliche Gestalt, wobei sie eine religiöse Konnotation nicht im Sinn hat. Eher denkt sie dabei an Leonardo da Vincis zur Ikone gewordene Körperdarstellung. So ambivalent wie sie sich im Grenzbereich zwischen Abstraktion und Figuration bewegt, so vieldeutig sind die Interpretationsmöglichkeiten ihrer Schöpfungen. Die „Kontinente“ können innere oder äußere sein. Erdplatten oder Innenwelten, bekannte und unbekannte. Weiße Flecken, die noch erschlossen werden können – oder müssen? Susanne Lange-Greve lächelt verhalten. Nur so viel erklärt sie: Dieses Spiel mit Farbe, Wort und Form sei „eine schöne Arbeit“. Sie erfordere jedoch „höchste Konzentration“. Denn nichts ist so schwer, wie die Reduktion auf das Wesentliche. Und welches Wesen ist schon wesentlicher als das eigene … Wer noch mehr über diese bemerkenswerte Frau erfahren möchte, wird auf ihrer website www.poesie-pur.de umfassend informiert.

Text: Wolfgang Nußbaumer // Foto: Apanachii FOTOART 24

 

 

 

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Kultur

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