STARKER TOBAK FÜR KLEINE GEISTER

Eine Spurensuche ...

Auf Spurensuche im Werk des Abtsgmünder Kirchenmusikers und Lehrers Carl Allmendinger, der unter dem Pseudonym Felix Nabor zahlreiche Blut-und-Boden Erzählungen verfasst hat.

Was der Heimatforscher Richard Scharpfenecker in seinen Recherchen für einen Zeitungsbeitrag zum 70. Geburtstag „über das Leben eines berühmten Abtsgmünders herausgefunden“ hat, bedarf der Ergänzung. Denn er hat nur die Schokoladenseite des Lehrers, Kirchenmusikers, Komponisten, und Schriftstellers Carl Allmendinger dargestellt. Berühmt war er sicher, beliebt vermutlich bei vielen, ohne Zweifel ein besonders begabtes Multitalent, das beglückt, in der kritischen Rückschau aber auch betroffen gemacht hat. Eine Spurensuche: Die volkstümliche Poetin und Journalisten Anneliese Scherf-Clavel, deren Kürzel ASC zu ihrem Markenzeichen geworden ist, hat vor vielen Jahren auf der „Seniorenseite“ der „Schwäbischen Post“ ihre Begegnung mit der damals 84 Jahre alten Tochter Carl Allmendingers, Cäcilie Hoechstetter, im Altenheim Schönbornhaus in Ellwangen geschildert. Die betagte Dame hatte sich einst als Hauptschriftleiterin der katholischen Familienzeitschrift „Sonntag ist’s“ selbst als Schriftstellerin profiliert.

Am Anfang dieser Karriere als Schriftstellerin stand das Büchlein „Illa das Goldkrönlein“, das in ein Lehrershaus der Jahrhundertwende in Abtsgmünd führt. Es trägt sicher autobiographische Züge, dürfte indes die wahre Situation stark romantisiert haben. Da ist die Rede vom gestrengen „Babba“, der liebevollen, duldsamen „Mamma“ und den Brüdern „Karl der Gewaltige“ und der „dicke Guido“, wie ASC formuliert hat. Karl hat in ihrem Bruder selben Namens eine reale Gestalt als Vorbild. Dieser hat eine Militärkarriere und zwei Weltkriege mitgemacht. Im 2. Weltkrieg war er zeitweise General der 17. Armee, die er aus Sewastopol auf der Krim zurückgeführt hat. Er ist am 2. Oktober 1965 in Ellwangen/Jagst gestorben. Die flämische katholische Zeitschrift „Ons Volk“ hat in einem schon im Januar 1914 veröffentlichten Beitrag den „begabten“ Schriftsteller unter seinem Pseudonym Felix Nabor ihren Lesern vorgestellt. Wie aus der echten Bubennatur ein geschichtskundiger und von seinem Glauben getragener bodenständiger Autor geworden sei. Das „Schweizerische katholische Volksblatt“ würdigt ihn ausführlich zu seinem 60. Geburtstag: „Nicht aus Sucht nach Ruhm und Erfolg, sondern aus innerem Drang ist Felix Nabor zum Dichter geworden. Gottes- und Heimatliebe, Glaube und Treue, Wahrheit und Recht waren ihm stets die reichsten und heiligsten Quellen seiner Kunst, die er seit 40 Jahren in den Dienst der katholischen Sache stellte.“

Allmendingers schreiberische Kunst, mit der er neben seinen Büchern vor allem in zahlreichen im In- und Ausland erschienenen Zeitungsromanen ein nach Millionen zählendes Publikum erreicht hat, liest sich in der Schilderung eines Angriffs eines schwarzen Stammes auf ein deutsches Siedlerpaar beispielsweise so: „Da draußen nahte der Feind – ein wilder, grimmiger, grausamer Feind! Ein Feind, der die Deutschen haßte bis aufs Blut, ein Feind, der keine Menschlichkeit kannte, keine Gnade, kein Erbarmen! Ein tückischer, blutgieriger, unmenschlicher, bestialischer Feind! Ein Feind mit Tigerkrallen und Schlangenzähnen, ein Feind grausamer als Löwe und Tiger und Schlange, blutdürstiger als alle Bestien der Wüste und der Wildnis! Und diesem grimmigen, zähnefletschenden schwarzen Feinden stehen zwei weiße Menschen gegenüber, die ihre Heimat verlassen haben, um hier in Frieden zu leben und die Segnungen der Kultur in dieses wüste Land zu tragen. Zwei deutsche Herzen schlagen hier und gehen dem Tode entgegen! Aber diese Herzen zagen nicht: es sind Heldenherzen!“ Erinnert werden sollte in diesem literarischen Zusammenhang an den Völkermord an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 unter dem Kommando des deutschen Generals Lothar von Trotha. Er kostete rund 80 000 Menschen das Leben. Wer war da wohl die größere Bestie? Man darf davon ausgehen, dass dem geschichtsbewussten Lehrer Allmendinger die Gräuel der deutschen Militärs bekannt waren. Dennoch lieferte er unentwegt kolportagehaftes Lesefutter, das vor allem vom katholischen Kleinbürgerturm verschlungen worden ist. Was hat es daraus über den Umgang mit den „Untermenschen“ gelernt? „Germania, die schützend ihren Herd bewacht!

Mit blankem Schwert und frohem Mut! Germania, die Siegerin! „Hurra, Germania! Hurra, Viktoria!“ „Für Kaiser und Reich!“ Genau! Da verwundert es nicht, dass der Name Felix Nabor oder Carl Allmendinger nicht auf der Nazi-Liste der verbotenen Bücher auftaucht, obwohl er ja bekennender Katholik gewesen ist. Bis in sein Pseudonym hinein. Es hat nichts mit glücklich (felix) sondern mit den beiden frühchristlichen Märtyrern St. Felix und St. Nabor. In deren Zeit spielt sein populärster Roman „Mysterium Crucis“. Die Erzählung, die Ähnlichkeiten mit dem 1895 erschienenen Klassiker „Quo vadis?“ aufweist, ist 1963 neu aufgelegt worden und liegt auch in schwedischer und norwegischer Übersetzung vor. Ein Kuriosum: Der Roman „Die deutsche Schmiede“ ist ins Russische übersetzt worden. Felix Nabor wurde jedoch nicht nur geliebt und geschätzt. Ein Kritiker, der Pfarrer E. Drexler, polterte am 15. November 1928 in den „Mitteilungen des Vereins der katholischen Geistlichen Württembergs“: „Auch die neueren Romane ‚Felix Nabors’ sind nicht so einwandfrei, wie die ersten erhoffen ließen.“ Drexler ist vor allem „der leidenschaftliche Nationalismus und Chauvinismus“ zuwider, der sich in Nabors Nachkriegsromanen breit mache, und das Gegenteil von „katholisch“ und christlich sei.

Damit verlassen wir den Blut- und Boden-Schriftsteller Fritz Nabor. Ideologisch unverfänglich ist das Wirken Carl Allmendingers als Kirchenmusiker und Komponist. Er hat nicht nur zahlreiche Messen geschrieben, von denen Richard Scharpfenecker 30 erfasst hat, viele mit dem Zusatz „leicht“. Vier davon sind in der Sammlung katholischer Kirchenmusik-Werke „Musica Sacra“ anno 1906 erwähnt. Die bekannteste Komposition ist sein opus 53, die „Missa Te Deum“ für vierstimmigen gemischten Chor. „Diese meine letzte Messe, im 72. Lebensjahr geschrieben, habe ich dem lieben Gott gewidmet“, versichert der Komponist. „Den Lehrern Schwabens, den sangesfreudigen, den treuen Jüngern der Hl. Cäcilia (die Patronin der Kirchenmusik), zugeignet“ hat er schließlich seine Missa „O bone Jesu“ für vier Männerstimmen. Diese hat, so eine Meldung in der Rems-Zeitung vom 15. Oktober 1935, „sogar den Weg über den Ozean nach Nordamerika, Brasilien du Afrika gemacht“. Vielleicht eine späte Wiedergutmachung für seine Sündenfälle als Schriftsteller. Nach elfjährigem Wirken in der Gemeinde im Kochertal ist der am 13. Oktober 1863 in Mühlhausen an der Fils geborene Schulmann 1902 nach Stuttgart versetzt worden. Ab 1910 hat er in München-Pasing gelebt. Dort musste er in seinem 60. Lebensjahr den Tod seines geliebten jüngsten Sohne beklagen. Carl Allmendinger ist dann wieder in die württembergische Heimat zurückgekehrt und am 17. November 1946 in Adelmannsfelden gestorben. Mark Twains Rat hat für uns das letzte Wort: „Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen.“ Hätte Carl Allmendinger ihn nur befolgt …

Wolfgang Nußbaumer (Der Verfasser ist Frau Elisabeth Plank in Abtsgmünd-Wöllstein zu besonderem Dank verpflichtet. Ohne ihre Archivarbeit wäre dieser Aufsatz nicht möglich gewesen.)

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