MANCHMAL MUSS MAN LAUT SEIN

Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode!

Wer Katharina Uhland interviewt, muss schnell schreiben können. Sehr schnell. Die 36 Lenze junge singende Schauspielerin spricht ohne Punkt und Komma, leider nahezu druckreif.

Da muss man am Ball bleiben, sonst steht man inhaltlich rasch im Abseits. Hilferufe um Pausen kommen mit Verzögerung an, führen dann zu einem verständnisvollen „Ich weiß, ich rede viel zu schnell“ – und schon beschleunigt Frau Uhland ihren Stimmmotor schon wieder in 3,5 Sekunden auf ihr 100 km/h-Sprechtempo. Die gebürtige Hessin hat keine Zeit zu verlieren, denn sie tanzt erfolgreich auf vielen Hochzeiten. Aktuell steht sie am Theater Heidelberg in einer Dramatisierung von Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ auf der Bühne.

Und ganz aktuell ist sie am Freitag, 3. Mai, zusammen mit Florian Thunemann am Theater der Stadt Aalen im Alten Rathaus aufgetreten. „kleineReise“ hat sie ihren Liederabend überschrieben. Er hat ein Wiedersehen mit einer ihrer beruflichen Stationen gebracht. Unter der Regie von Ingmar Otto hat sie in der Spielzeit 2009/10 unter der Intendanz von Katharina Kreuzhage in dem Kultmusical „Linie 1“ ein Gastspiel gegeben. „kleineReise“? Ihre Reise an den Kocher ist alles andere als klein. Wie viele andere Kreative wohnt die aus Darmstadt stammende Künstlerin jetzt in Berlin. In der Hauptstadt spielt eben die Musik. Die Konkurrenz ist zwar groß, andererseits kann man leichter Netzwerke knüpfen und Gleichgesinnte für Projekte gewinnen. Gewinnend und überzeugend wie sie in Tempo und Inhalt ist, dürfte ihr das nicht schwer fallen.

Triebkraft: Was im Inneren zusammenhält? Der Widerstand gegen Gleichgültigkeit, Egoismus und Ausgrenzung.

Einen muss sie offensichtlich nicht überzeugen. „Flo und ich“, sprudelt es häufig aus ihr heraus. Flo ist zwar ihr „Ex“ – aber immer noch ihr Partner. „Wir beide haben die ganze Schule drangsaliert“, verrät sie. Damals, bei der Schauspiel-Ausbildung an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München. Ein Herz und eine Seele waren sie. Wie der Wind und das Meer. Fünf Jahre lang haben sie „jede Form der Zweisamkeit zerlebt“, kann man auf ihrer Website lesen. Zerlebt? Was heißt denn das schon wieder? „Wir haben uns ziemlich oft getrennt und wieder vereinigt“, erklärt die Frau mit dem poetischen Nachnamen. „Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode“, würde Shakespeare kommentieren.

Bis heute ist das so geblieben. „Uns verbindet eine richtig tiefe Freundschaft“, versichert Katharina Uhland. Als sie sich nach der gemeinsamen Ausbildungszeit mal aus den Augen verloren haben, hat sie – was denn sonst – das Theater wieder zusammengeführt. Beim Vorsprechen am Theater Wiesbaden hat sie ihn wiedergetroffen. Sie wurde zwar nicht engagiert; dafür hatte sie ihren Partner für eine bis heute dauernde künstlerische Zweisamkeit gefunden. Seit dem zerleben sie sich wieder – rein musikalisch. Ihre ersten vier Lieder haben sie auf einer Geburtstagsfeier ihrer Mutter getestet. Sozusagen in der Höhle der Löwin. Es ist gutgegangen. Obwohl die Texte des Multitalents eher von der hintergründigen Sorte sind. Sie dichtet gerne um Ecken und in ihrer Muttersprache. „Deshalb sind wir mal nicht eingeladen worden, weil wir auf Deutsch singen“, schildert Katharina Uhland die Konsequenz. Besagter Flo dient als musikalisches Fundament. „Der ist unheimlich musikalisch“, schwärmt die Stimme des Duos. „Der bringt sich alle Instrumente selbst bei“. Am Anfang haben sie unter anderem Amy Winehouse und Zaz gecovert. Bis sie ins kalte Wasser der deutschen Sprache gesprungen sind. Warum? Die Antwort gibt ein Vers aus „kleineReise“. Vielleicht. „Wer weiß schon wie es besser geht, meistens macht man halt so mit, gemeinsam ist man zweimal schwer, manche lösen’s gleich zu dritt!“ Da kann sich jeder selbst seinen Reim darauf machen.

„Meistens macht man halt so mit“ – Katharina Uhland bestimmt nicht. „In allem, was ich erzähle und singe, geht es um eine Haltung“, sagt sie mit bestimmtem Ton. Exemplarisch dafür steht der Dokumentarfilm „Auf einer Skala von 1 bis 10“. In dem 2015 von ihr gedrehten Film (einschließlich Buch, Regie und Schnitt) schildert sie das Schicksal ihrer an Knochenkrebs erkrankten jüngeren Schwester Johanna. „Der Überlebenskampf meiner Schwester wird zu meinem und dieser Film meine Überlebensstrategie auf der Suche nach Möglichkeiten „Auszuhalten“. Mitten im Kampf treffen wir eine weitere Kämpferin. Ich begleite die beiden jungen Frauen ein Jahr lang und bekomme mehr Halt als ich geben kann“, lautet die kurze Inhaltsangabe auf ihrer Website (www.katharinauhland.de). Dort findet man auch ein dokumentarisches Theaterprojekt, an dem sie beteiligt ist. „Innenwelten oder der Pudel in Dir“ erzählt von drei außerirdischen Frauenforscherinnen, die „mit wissenschaftlicher Distanz und durch präzise Befragung weibliche Innenwelten“ erforschen. „Sie sind auf der Suche nach dem, was antreibt, was im Inneren zusammenhält, nach des Pudels Kern“. Sie treibt grundsätzlich der Widerstand gegen Gleichgültigkeit, Egoismus und Ausgrenzung an. Ja, und manchmal müsse man deshalb auch laut sein, müsse „den Leuten entgegentreten“. Diese Haltung ist für die Frau mit den vielen Gesichtern alternativlos. Da hilft auch keine Poesie.

Vor der Kamera hat sich Katharina Uhland als Schauspielerin ebenfalls schon wiederholt bewährt. Kleinkunst, Film, Theater – aber was ist ihre liebste Disziplin? Sie habe viel mehr Erfahrung am Theater, nähert sie sich vorsichtig der Antwort an. Am Donnerstag, 25. April, hatte der fesselnde Wirtschaftskrimi „Junk“ von Ayad Akhtar am Heidelberger Theater Premiere. Mit ihr als Amy. Und wieder überwältigte sie dieses Gefühl vom „Flug auf die Bühne“, der Adrenalinschub, „der alles ein wenig anhebt“. Nach der Landung, wenn der Beifall hochrauscht – „oder auch nicht“, schränkt sie lachend ein – geht es ihr gut. Wie nach einem Konzert, „wenn wir alle das Gefühl haben, wir haben zusammen etwas erlebt; wie eine richtige Familie“.

 

 

 

Text: Wolfgang Nußbaumer // Foto: Kathrin Keusch

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Kultur

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