„MAN MUSS DEN STEIN BEGREIFEN“

In seiner Werkstatt, die er sich in der weiten Flur bei Unterschneidheims schmuckem Teilort Nordhausen eingerichtet hat, bringt der Bildhauer Josef A. Schaeble seit vielen Jahren mit Knüpfel und diversen Eisen Ries- und anderes Gestein in vielfältige Form.

Im milchigen Dunst des Frostes leuchtet die Sichel des Mondes, jene kaum erhellend, über einer weiten Ebene. Zwei Autoscheinwerfer suchen den Weg durch die Nacht über eine schmale Trasse. Fernab vom Getriebe der Welt hört man nur den Motor bei der Arbeit. Irgendwo im Niemandsland des schwäbisch-schwäbisch-bayerisch-fränkischen Grenzgebietes. Die Lichtkegel treffen weder auf Fuchs noch Has‘ – aber das will nichts heißen. Der Fahrer lenkt plötzlich vor der schwarzen Wand der Bäume nach rechts. Zieht nach wenigen Metern wieder nach links. Was wird uns im Licht der Scheinwerfer erwarten? Des Bären Bruno Geschwister? Rübezahl? Der Räuber Hotzenplotz? Die ruhelosen Geister schwedischer Söldner? Womöglich doch die Krippe im Stall? Nichts von alledem. Am Ende der Welt greift der Lichtkegel eine Scheune aus dem Dunkel. Der Fahrer öffnet deren Torflügel. Angemessen wäre als Bühnenmusik in diesem Augenblick „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss. Denn im Licht der Scheinwerfer geht die Weltkugel auf.

Wir sind nicht in der Zukunft gelandet, bei „E.T.“ und Co. Wir stehen vor dem Atelier von Josef A. Schaeble. Nahe bei Nordhausen, einem Teilort von Unterschneidheim. Dort draußen, in der Einsamkeit der Steine und der Bäume ist Josef A. Schaeble bei sich. Laute Töne scheinen ihm fremd zu sein, er schätzt die Stille. Wo er sich auseinandersetzen kann mit dem widerständigen Material. Ihm mit Hammer und Meisel die Form abringt, die er darin verborgen sieht. „Wenn Steine reden könnten“, wispert der Volksmund. Schaeble bringt sie zum Reden, indem er mit ihnen in Kontakt tritt. Für ihn ist die Arbeit am Stein ein kommunikativer Prozess. Ein Geben und Nehmen. Je mehr der Stahl nimmt, umso mehr gibt der Stein. Und umgekehrt. Je nach dem Erkenntnisinteresse des Bildhauers.

Dieses scheint untrennbar verbunden mit Herkunft und Vita des Künstlers. Josef A. Schaeble ist dort geboren und aufgewachsen, wo er sich heute an den Waldrand zurückzieht. In Nordhausen. Ein kleiner Flecken in katholischer Harmonie. Der Vater war Friseur, erzählt er. So groß wie er heute, aber doppelt so schwer. Hände wie ein Schraubstock. Eine Respektsperson. Zu ihm kam man nicht nur, um sich die Haare kürzen und den Bart schneiden zu lassen; der Friseurladen war ein Ort der Kommunikation, das Zentralbüro des Dorfgesprächs. Selbst Glatzköpfige ließen sich hier nieder. Charakterköpfe müssen das gewesen sein, die sich im Gedächtnis des kleinen Josef verfangen haben. Aus der Erinnerung standen sie ihm viele Jahre später Modell für auf wesentliche Züge reduzierte Büsten. Keine Abrechnung, eher liebevoll-kauzige Reminiszenz. Wenn der Geist Gottes durch die Dorfgemeinschaft weht, entwickelt er eine beträchtliche Sogwirkung. Jung-Josef entschloss sich, hinter Klostermauern den Beruf des Druckers zu erlernen. Bis ihn die Vergangenheit eingeholt hat. Der Wunsch zu gestalten, Material zu formen. Schon als Jugendlicher hatte er diesen Drang schnitzend am Holze ausgelebt. Irgendwann war es ihm zu wenig, tagaus, tagein Papier zu bedrucken. Er machte sich aus dem Schwäbischen auf ins südbadische Freiburg, um Steinbildhauer zu lernen. Eine kleine Nichte war ihm Modell für eine kleine Kopfplastik. Noch ganz naturalistisch dem treuen Abbild verpflichtet. Dann erlag er dem Ruf der Heimat und kehrte nach Nordhausen zurück. Einige Zeit versuchte er noch das Drucken und das Bildhauen unter einen Hut zu bringen, bis der Plastiker obsiegte.

„Die Beschäftigung mit dem Stein war so etwas wie eine Besinnung“, erinnert sich Schaeble. Und die Begegnung mit den Werken eines Hans Arp oder eines Henry Moore für ihn eine Offenbarung. Sein Pfingsten. Zu sehen, was man alles mit dem Durchbrechen der Form im Hinblick auf die optische Schöpferkraft des Lichts schaffen kann. Zu erkennen, was Konsequenz und Klarheit bedeuten. Je mehr er sich mit dem harten Material beschäftigt, einen Zugang über die brave Figürlichkeit hinaus gesucht hat, umso mehr hat es sich ihm geöffnet. Seinem Reiz konnte und mochte der Bildhauer nicht widerstehen,. „Man musste die Figur nur noch freilegen“, beschreibt er die Grunderkenntnis seiner Spezies. Und auf den Stoff hören. „Irgendwann hat der Stein gesagt, so darfst Du mit mir nicht umgehen“. Also hat der Künstler im Wortsinn einen anderen Weg in die widerständige Substanz eingeschlagen. Und der Stein war’s zufrieden, wie ein Blick auf Schaebles Schaffen lehrt. Wie viele seiner Künstlerkollegen hat er den Weg von der Opulenz in die Reduktion beschritten. Hat sich von außen nach innen vorgearbeitet, hinein in die Abstraktion. Dabei bestimmt der Härtegrad des Materials die Formensprache. Der Kalktuff, der Sandstein sind nachgiebiger als Granit oder Marmor. Sie lassen sich eher auf filigrane Formspiele ein, als die beinharten Gesellen. Der harte Stein verlangt nach strenger, einfacher Form.

Zu den großen Mythen des Menschengeschlechts zählt jener vom Riesen Atlas. Ihm haben wir und die Bewohner eines kleinen gallischen Dorfes es bekanntlich zu danken, dass uns der Himmel nicht auf den Kopf fällt. Atlas hat diese tragende Funktion allerdings nicht freiwillig übernommen. Der Bruder des Prometheus wurde von Göttervater Zeus zu dieser lebenslänglichen Aufgabe verdonnert, weil er sich am Kampf der Titanen gegen die Götter beteiligt hatte. Das Schicksal seines Bruders ist ebenso wenig verlockend: Er schuf der Sage nach den Menschen, klaute für ihn bei den Göttern das lebensnotwendige Feuer und versuchte seine Schöpfung vor Zeus und Co. zu schützen, die Prometheus Erfindung gar zu gerne unter ihre Fuchtel gebracht hätten. Wie Bruder Atlas zog auch Prometheus den Kürzeren; er musste sich an einen Berg im Kaukasus fesseln lassen, wo ihm ein Adler auf die Leber schlug. Bis Muskelmann Herakles vorbeikam und dem Vorfahr aus der misslichen Lage half. Wofür wir ihm sehr dankbar sind; gilt doch jener Prometheus als Freund und Kulturstifter der Menschheit – zumindest nach den Kategorien der griechischen Mythologie. Die Titanen waren Kinder der Mutter Erde. Und Atlas wurde in Erfüllung seiner Strafarbeit zum Mittler zwischen Himmel und Erde. Zeus hätte den Sachverhalt sicher anders interpretiert. Grund für uns, rasch den Bogen von der Antike in unsere Gegenwart zu schlagen. Szenenwechsel also: In der Bildhauerwerkstatt von Josef Schaeble ruht eine Weltkugel aus Stein. Ihre beiden glatt polierten Hälften sind leicht gegeneinander verschoben. Das dient der Kunst wie dem Interesse an Geologie. Der Künstler bringt durch die Verschiebung in der Fläche Spannung in die Kugelform und gibt zugleich den Blick auf deren Aufbau frei. Staunend erkennt der Betrachter, wie in diesem Stein Erdzeitalter aufeinander stoßen. Eine kühne Parallele bietet sich an: Josef A. Schaeble ist der Atlas vom Ries. Er ist ein Geschöpf der Erde, das nach Höherem strebt. Steine in Kunst zu verwandeln.

Nun sind die Menschen dort im Land der weiten Horizonte von pragmatischer Natur. Sie haben gelernt, mit den Widrigkeiten der Natur und der Geschichte zu leben. Flexibel sind sie, aber nicht angepasst. Weil der Bildhauer zwar hoch gewachsen, aber beileibe kein Gebirge von Mann ist, zerkleinert er die Erdkugel, bis er sie ertragen kann. Das Trumm im Atelier im freien flachen Feld bei Nordhausen wiegt übrigens vier Tonnen. Ist also nicht geeignet, von normal Sterblichen geschultert zu werden. „Werkstatt“ nennt der rauschebärtige Bildhauer den Ort, wo eine Weltkugel ruht – in einer Scheune im Schutz des Waldes, fernab der Wohnungen der Menschen. Seine engsten Nachbarn sind die Rehe. Vielleicht ein Has‘ oder ein Fuchs. Der Ort und seine Bestimmung sagen uns viel über das Selbstverständnis und die Kunst dieses Mannes. Mit Vorliebe greift der Künstler zu den Steinen aus der Umgebung. Gut Freund ist er mit dem Kalktuff; von kostbarer Aura der Goldstein, der Goldburghausen seinen Namen gab. Gneise und Granite und natürlich die ganz woanders geschürften Klassiker Alabaster und Marmor, an denen kein in den Stein verliebter Bildhauer vorbei kommt. Steine sind des Bildhauers täglich Brot geworden. Das muss man natürlich nicht wörtlich nehmen. Obwohl er manchmal nahe daran ist, sich die Zähne an Basalt und Goldstein, Granit und Marmor und woran er sonst noch Bohrer, Hammer und Meisel ansetzt, auszubeißen.

Immer auf der Suche nach Material mit Bezug zur heimischen Landschaft, ist er bei Straßenbauarbeiten zwischen Tannhausen und Eck am Berg fast schon im äußersten Osten des Ostalbkreises fündig geworden. „Ich habe mich gefühlt wie ein Goldgräber“, schwärmt der Bildhauer. In Entzücken versetzt hat ihn der sogenannte Eisenstein, der vor rund 150 Millionen Jahren auf dem Grund des Braunjurameeres abgelagert wurde. Das Wasser einer Quellschüttung
hatte im Lauf der Jahrtausende auf einer Breite von nur 80 Zentimetern das Gestein unterschiedlich stark verkieselt, also verdichtet und damit gehärtet. Der größte Brocken, den Schaeble mit Hilfe der Straßenbauarbeiter geborgen hat, „enthielt“ die schon erwähnte Weltkugel. Daneben hat er reiche Beute unterschiedlicher Sedimente gemacht, deren Form und Größe das künstlerische Resultat vorgegeben haben. Das zeichnet diese Arbeiten besonders aus. „Die Natur hat mir die Plastik vorskizziert“, meint der Bildhauer bescheiden.

Seine Kunst bestand nun darin, sich vom Stein und dessen Textur mitnehmen zu lassen, den Farbverläufen und der mit Belemniten, Muscheln und anderen Zeugen fernster Vergangenheit gesättigten Form, zu folgen, behutsam und gelassen. Fein geschliffen wird aus dem hässlichen Entlein ein stolzer Schwan, aus dem unscheinbaren Aushub eine differenzierte Kostbarkeit. Weil sich Schaebles Kunst ganz in den Dienst des Materials stellt, überhöht sie die ästhetische Anmutung in eine geistig-historische Dimension. Seine Plastiken überzeugen nicht nur in ihrer jeweils spezifischen formalen Lösung, sondern scheinen für den Betrachter auch eine Botschaft bereit zu halten. Sie darf jeder für sich selbst entdecken. Zum Beispiel in einer Halle neben dem Wohnhaus in Nordhausen, wo er mit seiner Frau Maria lebt. Ein entscheidendes Kriterium von Josef A. Schaebles Steinkunst offenbart sich gerade in seiner Auseinandersetzung mit dem unscheinbaren Eisenstein. Es ist seine intime Kenntnis der Anforderungen und Wünsche des Materials. Wie er auf dessen Klang hört, seine Textur achtet, zu spiegelnder Glätte schleifend oder knorrige Charaktere aufschlagend. Zum Beispiel den Muschelkalk, der sich am wohlsten draußen fühlt im Einklang mit der Natur, an die er sich im Lauf der Jahre anpasst. Alabaster und Marmor dagegen verlangen nach Eleganz in durchaus kühner Formensprache. Adel verpflichtet, auch bei Steins. Gerne spielt Schaeble dabei mit Innovationen der Kunstgeschichte. Wie mit Lucio Fontana, der in die monochrome Leinwand schnitt und sie damit in den Raum öffnete. Der Mann aus Nordhausen nimmt dazu eine Marmorplatte. Das Ergebnis kann sich ebenfalls sehen lassen. Im Vergleich mit Marmor oder dem mineralischen Alabaster spielt der Kalktuff in der Kreisliga der Steine. Schleift man ihn jedoch an, kommt, wie Schaeble es formuliert, „die Melodie des Steines zur Geltung.“ Geglättet offenbart er wie der schon erwähnte Eisenstein seine strukturellen inneren Werte.

„Man muss den Stein begreifen“, sagt der Bildhauer immer wieder, wenn man mit ihm über Vision und Profession spricht. Dieser Prozess des Begreifens ist auch ein stetiger Lernprozess. Denn der Stein verzeiht nichts. Das beginnt bei der Wahl der Gesteinsart und endet bei der praktischen Ausführung. Wenn man heute das Schaffen dieses stein-reichen Mannes Revue passieren lässt, erkennt man rasch sein inniges Verhältnis zum Material. Josef A. Schaeble ist so etwas wie ein Steineflüsterer; würden ihm sonst diese anorganischen Konglomerate gehorchen wie anderen schwierige Pferde? Unabänderlich landen wir wieder bei der Stille. Sie hat verschiedene Gesichter. Im Schutz von vier Wänden darf der Stein glatt sein und poliert, darf selbstbewusst mit seiner koloristischen Struktur auftrumpfen oder majestätisch monochrom Aufmerksamkeit heischen. Während draußen im öffentlichen Raum, so zumindest Schaebles Credo, der Stein gebrochen sein sollte. Damit er der Natur Halt bietet, ihn wieder mit ihrer Patina zu bekleiden. Sein Favorit dafür ist der schon erwähnte Muschelkalk. Erinnern wir uns an das eingangs beschriebene Szenario. Die Fahrt in die Finsternis, die an einer Weltkugel endet. In dieser Begegnung mag man eine weitere Konstante in Josef A. Schaebles Schaffen erkennen. In gleichem Maße, wie er sich fortentwickelt, geht er zurück zu den Ursprüngen. Zum Kanon der geometrischen Grundformen, die er
mit staunenswerter Meisterschaft verfremdet oder variiert. Bei anderen mag es der Versuch sein, ästhetische Möglichkeiten rein auf ihre formale Relevanz hin auszuloten; bei dem einstigen Klosterdrucker Josef A. Schaeble eröffnet sich noch eine weitere Dimension: Seine fülligen Formen erinnern an Idole, an Gottheiten, an Fruchtbarkeit; es ist eine archaische Welt, die in der Semantik seines Schaffens aufscheint. Die Reduktion ist zugleich eine Besinnung auf die Wurzeln.

Im Landratsamt in Aalen befindet sich eine filigrane Gitterkugel aus Kalktuff. Sie symbolisiert auf treffendste Weise das Schaffen des stillen, beharrlichen Bildhauers Josef A. Schaeble aus Nordhausen. Formal sind es die Kontraste, mit denen er Spannung erzeugt: Hell und Dunkel, poliert und aufgebrochen, rund und gerade. Inhaltlich hat er mit diesem Gitterwerk die in seiner Werkstattscheune ruhende Vollform in die Gegenwart hinein fortgeschrieben. Der Künstler thematisiert faktisch das globale Netzwerk Erde. Tut er das wertfrei oder nicht? Jedenfalls bedient er sich dabei der Formensprache der Gotik. Deren Baumeister strebten zwar mit ihren kühnen Rippen himmelwärts. Aber vielleicht will der Christenmensch Josef A. Schaeble den Himmel auf die Erde holen. Mit seinen bildhauerischen Mitteln. Transzendenz durch Transparenz. So oder so, ideell überhöht oder die Autonomie der Kunst behauptend, kann jede und jeder aus Josef A. Schaebles Steinwerken seinen ganz persönlichen Honig saugen. So viel Freiheit muss sein.

Von Mai bis Oktober ist die Ausstellungshalle jeweils am ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Termine nach persönlicher Vereinbarung unter Tel. 07966 / 2881

Text & Fotos: Wolfgang Nußbaumer

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