IN DER EINSAMKEIT DES WALDES

Die ehemalige Künstlerkolonie Runheim.

Verschlungene Waldwege durch dichte Wälder, führen nach Falschengehren zu der ehemaligen Künstlerkolonie Runheim. Auf den zwei einsamen Höfen, auf den Höhen der Limpurger Berge zwischen Wegstetten und Laufen ist die Zeit stehen geblieben.

Das Wasser kommt aus Quellen und Brunnen, den Strom liefert ein Aggregat. Dort gibt es keine Abwasserversorgung, doch dafür die Einsamkeit des Waldes und alte Geschichten die immer noch lebendig sind. Das erste Gut wurde im Jahr 1557 in Falschengehren durch Matthis Gegelin errichtet. Die Notiz eines Lagerbuchs von 1722 weist darauf hin, so die Ortschronik. Schnell entstand ein zweites Haus. Auf der Rodungsinsel Falschengehren wurden nicht nur Felder bestellt sondern auch das Handwerk der Kohlenbrennerei ausgeübt. Der einstige Name des Nachbardorfes Wegstetten – Raben-Kohlwald – zeugte von der wirtschaftlichen Wichtigkeit der Köhlerei in diesem Gebiet. An Matthis Gegelin kann sich heute wahrlich niemand mehr erinnern, dafür aber umso mehr an den Menschen der in dieser Abgeschiedenheit Musiker, Maler und Dichter in Harmonie zusammengeführt hat – der Künstler Willo Rall. Er prägte diesen Landstrich wie kein anderer.

In diesem Haus wohnte der Künstler Willo und seine Frau Lilly Rall.

Im Jahr 1919 gründete Willo Rall dort mit zwei Malfreunden als “Schwäbisches Worpswede” die Künstlersiedlung “Runheim”. Doch Willo Rall war nicht nur Künstler er war auch Lebensreformer. Schon während seines Studiums an der Stuttgarter Kunstakademie, hatte der zwanzig jährige einen langen Bart und wallende Haare, wider, dem damaligen Zeitgeist. Es war in der Zeit, in der er mit der Reformbewegung in Berührung kam. Auf einem Treffen der Vegetarier lernte er seine spätere Frau Lilly Fricke kennen. Beide schlossen sich der Jugendbewegung „Wandervögel“ an. Das Motto Zurück zur Natur wurde zu seiner Maxime. Doch dann kam der erste Weltkrieg. Die Schrecken dieses Krieges versuchte Rall künstlerisch zu bewältigen. Die grausame Wirklichkeit brachte er auf ganz eindringliche Weise zu Papier. Dann hörte Rall von der Bauersfamilie Bräuning, in Falschengehren, die ihr Land verkaufen wolle, um nach Kannada auszuwandern. Mit seinen Kriegskameraden Hermann Bühler und Schöllhorn schmiedete er einen Plan. Sie wollten ihre ganzheitlichen Ideale eines neuen, friedlichen und selbstbestimmten Lebens in die Praxis umsetzten. Falschengehren hielten sie als geeignet. Zum Entsetzen der prüden Nachbarn.

Das Bräuninghaus ist das älteste Gebäude in Falschengehren. Die Erben hüten es und sorgen für Ordnung.

Trotz der einsamen Lage, war dieser Ort ein Zentrum lebenslustiger Fröhlichkeit. Zahlreiche „Wandervögel“ gingen dort ein und aus. Sie halfen beim Bau des Hauses, beim Bestellen der Felder, beim Pflanzen der Bäume und im Garten. Es wurde in spärlicher Bekleidung oder gar nackt getanzt, Theater gespielt, gesungen, man trug sich Gedichte vor. Auch wurde die germanische Sonnenwendfeier wieder neu zum Leben erweckt. Das Motto hieß auch: zurück zu den geistigen Idealen des deutschen Volkes, jedoch nicht im Sinne des Faschismus. Willo Rall musste es mit seiner Frau Lilly ertragen wie vier seiner Kinder an einer Ruhr-Typhus Epedemie wegstarben. Drei von ihnen fanden ihr Grab im Wald, der Grabstein steht genau an der Grenze des Ostalbkreises zum Landkreis Schwäbisch Hall. Zwei Töchter sind im geblieben. Auch die Bauernfamilie Bräuning verlor ihren Sonn, er starb in Kanada. Gesundheitlich geschwächt wagte der Bauer Bräuning keinen Neuanfang in Übersee mehr und behielt sein Land. Das war wohl der wichtigste Grund, warum das „Schwäbische Worbswede“ nicht weiter wachsen konnte und so brach die Künstlerkolonie im Jahr 1924 auseinander. Nur Willo Rall blieb mit seiner Familie zurück in dem Wald. Immer noch kamen viele Gäste. Ein schwerer Verlust war für Rall, 1954 der Tot seiner Frau Lilly. Willo Rall folgte ihr im Jahr 1960. Erst im den achtziger Jahren wurde das Haus durch seine Tochter Iduna Burghardt und deren Mann Rolf wieder zum Leben erweckt.

Das Grab auf der Grenze. Seine Frau Lilly wurde aber nicht dort begraben. Er meißelte nur ihren Namen in den Stein der Kinder.

Text & Fotos: Susanne Rötter

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