IM LAND DES ADLERS, IM LAND DER SONNE

Anna Ritter reist gern ungewöhnlich. Fern ab des Mainstreams. Hier der Bericht über ihren Trip durch Albanien und Mazedonien gemeinsam mit ihrem Freund Maik.

Mazedonien ist seit 2005 offizieller Beitrittskandidat der Europäischen Union, Albanien seit 2014. Beide Staaten gehören zu den ärmsten Europas. Schon auf vorangegangenen Reisen in Länder, in denen nicht gerade Milch und Honig fließen, haben wir gelernt, dass Freundlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft groß geschrieben werden. Das war für uns eine essenzielle Erfahrung. Die Kritik unseres Umfeldes an unseren Reisplänen, schmälerte meine Vorfreude nicht.

Abflug über Wien nach Tirana. Der Flughafen Tirana trägt den Namen der Nonne: “Nënë Tereza”. Davor steht sie aus Bronze. Seit vielen Jahren streiten sich drei Balkanstaaten – Albanien, Mazedonien und das Kosovo um den Titel „Heimat dieser Heiligen“. Ein Taxifahrer nimmt uns auf, um uns zum Hotel im Zentrum zu bringen. Es gibt kein langes Verhandeln um den Preis, wie es sonst an vielen Flughäfen üblich ist. Er mustert uns im Rückspiegel, lächelt und fragt schließlich: „Amerikë? Angli? Francë?” “Aleman.”, antworte ich in Universalsprache. “Gjermani! Gjermani! Deutschland über alles!” Der Fahrer wird von einem derartig explosiven Freudentaumel übermannt, dass wir uns ansehen und einfach mitlachen. “Gjermani, bravo!”, führt er weiter aus. “Mercedes, best car! Merkel, good person! Bayern Munchen, best football team!” Somit sind die Maßstäbe gesetzt, in seinen Augen sind wir ein bombastisch tolles Volk. “You have Mercedes?”, fragt er und klopft auf das Armaturenbrett seines 300er-Modells. “Nineteen-ninety. Still driving. Engine bravo!” Mein Freund beantwortet seine Frage mit einem schlichten “No. We don’t have Mercedes.”

Die ersten Eindrücke, die wir in der albanischen Hauptstadt sammeln, sind brutal. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Tirana ist ein Paradebeispiel für den Brutalismus, ein Baustil, der Mitte des letzten Jahrhunderts wütete: Béton brut, roher Beton, klobige Formen – ein Schock fürs Auge. Wir finden uns vor einer monumentalen Pyramide wieder, ein 1988 eröffneter Kolossalbau, der dem verstorbenen albanischen Diktator Enver Hoxha gewidmet ist und von dessen Tochter entworfen wurde. Auf dem Skanderbeg-Platz zieht es uns vor Hitze fast die Füße weg. Er wurde erst neu gestaltet und die verwendeten Steine aus allen Teilen Albaniens speichern die Hitze. Wir fühlen uns wie in einem Backofen. In der Mitte ist eine große Bühne aufgebaut, davor reihen sich menschenleere Bänke. Auf der riesigen Leinwand läuft eine Coca Cola-Werbung in Endlosschleife. Die Menschen darin mit ihren sensationell weißen Zähnen vor noch sensationelleren Traumkulissen wirken hier zwischen der alten Ethem-Bey-Moschee und den sozialistischen Gebäuden ringsum irgendwie fehl am Platz. Ein antikes Karussell, das nebenan seine einsamen Runden dreht, fügt sich da schon geschmeidiger ins Bild.

Wir fliehen vor der Hitze in die orthodoxe Kathedrale der Wiederauferstehung Christi. Auch sie wurde erst 2012 fertiggestellt. Eine große neue Moschee befindet sich ein paar hundert Meter weiter östlich, Recep Tayyip Erdoğan half 2015 bei der Grundsteinlegung. Die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlangte Albanien vor gut einhundert Jahren. Der Staatschef der heutigen Türkei streckt seine Finger nun wieder in Richtung Albanien aus. Auch wenn viele Gebäude nach wie vor den Charme aus längst vergangenen Tagen versprühen, auch wenn vieles marode ist, spürt man an vielen Stellen dieser Stadt den Geist des Aufbruchs.

Der Rinia-Park in Tirana ist ein Ort der kühlen Ruhe. Alte Männer sitzen rauchend auf Bänken, Mütter halten einen Plausch, während ihre Kinder vor ihnen spielen. Am Rande des Parks steht T-I-R-A-N-A in übermannshohen, bunten Lettern in der Wiese. Wir spazieren auf unserer frühabendlichen Runde am Flüsschen Lana entlang. Die Straßen werden von unzähligen Cafés gesäumt, die Leute sitzen hübsch hergerichtet auf den Stühlen und lassen die Eindrücke des Lebens auf sich rieseln. Dann biegen wir in die Rruga George W. Bush ein. Das albanische Volk verehrt diesen US-Präsidenten. Das Städtchen Krujë unweit von Tirana hat ihm zu Ehren 2011 eine Statue errichtet, Tirana widmet ihm gleich eine ganze Straße. Bush war 2007 der erste US-Präsident, der Albanien besuchte. Darüber freuten sich die international weitgehend unbeachteten Albaner so sehr, dass ihm diese Ehre zuteil wurde. Im Restaurant Sofra Beratase essen wir wenig später zu Abend, einen Steinwurf vom Skanderbeg-Platz entfernt. Der freundliche Kellner weist uns einen Platz in der gemütlichen Laube an. “Deutschland über alles!”, hören wir von ihm, es klingt schon vertraut in unseren Ohren. Er schwärmt für Steinmeier, Porsche und den BVB. Und für seine Heimat Berat, eine der schönsten Städte Albaniens, die seit 2008 zum UNESCO-Welterbe gehört. Er kennt alle Spieler der Bundesliga. Maik und er fachsimpeln in einem Kauderwelsch aus Englisch, Deutsch und Albanisch über Fußball.

Die Küche Albaniens, schmeckt vorzüglich. Die Gerichte im gesamten Balkan sind gleich, nur die Namen sind andere. Wir genießen gegrillte Auberginen, Fleisch gefüllt mit Paprika. Das Gemüse schmeckt kräftig. Unser Dinner wird von den fröhlichen Klängen einer Gitarre, eines Akkordeons und einer Fyell, einer albanischen Flöte aus Holz, untermalt, die uns eine Gruppe Straßenmusiker darbietet. Zum Abschluss stoßen wir mit dem freundlichen Kellner mit einem Gläschen Raki rrushi an – auf unsere Heimatländer, auf den Fußball, auf das Leben!

Eigentlich wäre dies das perfekte Finale eines spannenden Tages in der Hauptstadt gewesen, wenn da nicht noch das Blloku-Viertel auf uns warten würde. Es war früher nur den Politbüro-Mitarbeitern vorbehalten, das Volk hat sich das Quartier erst in den Neunzigern zurückerobert – dann aber mit voller Wucht. Gutgelaunte Menschenströme schieben sich durch die baumbestandene Straße, es reiht sich Bar an Restaurant und Café an Bar. Wir beobachten das vitale Treiben ringsum, Taxis mit überdimensionalen Werbetafeln für Spielhallen und Striplokale auf dem Dach bahnen sich ihren mühsamen Weg durch die wabernde Menge, während uns der Elbasan-Wein gefällig die Kehle hinabrinnt. Hier, wo das Leben pulsiert, braucht man kein Kino, kein Buch und vor allem kein Smartphone, die Umgebung unterhält bestens.

Am nächsten Morgen verlassen wir Albanien fürs Erste und fahren mit dem Mietwagen hinaus aus der Stadt. Mitten durch den Berufsverkehr, die Autos drängeln sich dicht an dicht durch das Zentrum. Spuren gibt es nicht, gefahren wird, wo Platz ist. Vor den Toren Tiranas wird es schnell ruhiger, eine breite, brandneue Straße bringt uns in ein ausladendes Tal, an dessen Hängen Olivenbäume wachsen. Überall gibt es kleine Straßencafés an dieser wenig befahrenen Strecke, nur hin und wieder erspähen wir auch einen Gast darin. Etwas befremdlich muten die runden grauen Bunkerdächer an, die sich verstreut an den Hängen erheben. Wir fahren durch einige Dörfchen, eher ärmlich, aber auf jedem der kleinen Grundstücke an der Straße sehen wir hingebungsvoll gepflegte Gärtchen mit Zitronenbäumen darin, Auberginen, Gurken und Tomaten in akkurat angelegen Beeten. Dann zieht sich der Himmel bedrohlich zu und wir schrauben uns im Starkregen den vor uns aufragenden Berg empor. In einer Haarnadelkurve hat ein schwerer LKW Probleme, er kommt nicht mehr voran, die Räder drehen durch, er rollt zurück. Wir tasten uns vorsichtig an ihm vorbei und als sich mein Blick mit dem des Fahrers trifft, weiß ich, dass das alles für ihn nichts Ungewöhnliches ist und kein Grund zur Beunruhigung. In seinem Mundwinkel glimmt eine Zigarette, er rangiert gelassen, sieht aus dem Fenster, weiß, was zu tun ist. Wahrscheinlich passiert ihm das jede Woche einmal an dieser Stelle. Auf der Anhöhe angekommen, nähern wir uns schnell der albanisch-mazedonischen Grenze. Direkt vor dem Grenzübergang Kafasan steht knapp ein Dutzend kleiner Buden aufgereiht, nur eine scheint geöffnet. Ein sehr wichtiges Dokument für die Fahrt in außeralbanisches Terrain muss hier erworben werden, der/die/das “Karton të Gjelbër”, die grüne Versicherungskarte. Ohne sie gebe es große Probleme und drakonische Strafen, warnte uns der Rent-a-Car-Mitarbeiter.

Zehn Minuten und tausende Regentropfen später sowie um vierzig Euro ärmer, halten wir das grüne Papier in Händen und passieren die Grenze. Der Beamte dort fragt uns prompt nach dem Karton, den wir ihm stolz präsentieren. Auf der anderen Seite: ein Niemandsland, hüfthohe Dornengewächse gestalten die Flächen neben der Straße. Es geht nun wieder bergab, ein gutes Zeichen, dass die nächste Station unserer Reise, der Ohridsee, nicht weit sein kann. Am Ufer angekommen, fahren wir die einzige Straße entlang gen Süden. Der Ohridsee liegt grau und verschlafen zu unserer Linken. Maik erkennt unser Häuschen am Steilhang anhand des Bildes von der Internetseite, Straßennamen gibt es hier nicht.

Am Abend fahren wir in das wenige Kilometer entfernte Fischerdörfchen Radožda. Es hat aufgehört zu regnen, der Himmel reißt auf und der See lässt erahnen, wie schön er sein kann. Frauen schieben auf der einzigen Straße ihre Kinderwägen vor sich her, lachend und sich unterhaltend, Männer sitzen vor den Hauseingängen, lachend und sich unterhaltend, und trinken Bier. Sie nicken uns zu in unserem albanischen Auto. Es ist ein winziges Dorf, trotzdem gibt es mehrere Pensionen und gleich drei Fischrestaurants direkt am See. Wir entscheiden uns für das erste und nehmen Platz auf einem Steg auf dem See. Das Wasser plätschert unter uns, der Kellner serviert uns kühlen Weißwein, der „Alexandria“ heißt, wohl in Anlehnung an Alexander den Großen, unter dem dieser Landstrich eine Blütezeit erlebte. Dann wird uns auf einem Silbertablett eine frisch gefangene Letnica-Forelle serviert, die Delikatesse hier in der Region. Der Kellner lädt uns ein wiederzukommen. Sie hätten im Restaurant den Schlüssel zur Felsenkirche Sveti Mihail in Obhut, zu der man vom Dorf aus emporsteigen könne. Sie sei neben der Forelle das zweite wirkliche Highlight seines Dorfes. Gern, sagen wir und sind erstaunt, wie viele Glanzlichter ein solch winziges Dorf bereithalten kann.

Am nächsten Morgen machen uns auf nach Ohrid, sie wurde zusammen mit „ihrem“ See zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt – wir sehen in der Altstadt sofort, warum: Die Architektur ist einzigartig, die Häuser verjüngen sich nach unten hin, haben Erker, die zusammen mit den Fenstern schwarz eingerahmt sind. Der zweite Grund für die Aufnahme ins Weltkulturerbe sind die zahlreichen mittelalterlichen Kirchen hier – angeblich steht in der Region für jeden einzelnen Tag des Jahres eine zur Verfügung. Wir schlendern an einigen Galerien und Schmuckmanufakturen vorbei zur Kathedrale Sveti Sofija. Nach Ende der Osmanenherrschaft entdeckte man hier Fresken aus dem 11. Jahrhundert, die man noch heute bestaunen kann. Der Eintritt kostet gerade mal 100 Denar, das sind 1,60 Euro. Wir haben noch immer keine Landeswährung in der Tasche, da wir bislang nirgends eine Wechselstube entdecken konnten. Das stellt keine Schwierigkeit dar, überall wird der Euro akzeptiert, es wird fair umgerechnet, Rückgeld bekommt man in Denar oder Euro. Wie auch die Albaner blicken die Mazedonier in Richtung EU. Der Euro ist schon jetzt inoffizielle Zweitwährung.

Wir spazieren weiter zur byzantinischen Kirche Sveti Jovan, die in exponierter Lage den See überblickt. Sie ist eines der berühmtesten Fotomotive Mazedoniens, so ziert sie auch unseren Reiseführer, der uns die ganze Zeit treue Dienste leistet. Man hat einen herrlichen Rundumblick über die Bucht, den Yachthafen und den See. Diesen schönen Aussichtspunkt teilt man allerdings mit Busladungen von Japanern, Spaniern und Amerikanern. Ohrid ist für Mazedonier und zunehmend auch für internationales Publikum ein Hot Spot in den Sommermonaten.

Im Tante-Emma-Laden kaufen wir bei einer netten Frau, die sogar ein paar Worte Deutsch spricht, einige Frühstücksutensilien ein, bevor wir im Restaurant den Schlüssel für die Felsenkirche in Empfang nehmen dürfen. Die Lebensmittel kosten so viel wie bei uns oder sogar mehr, die Butter und die Milch sind überraschend teuer. Wir fragen uns, wie die Leute hier diese Preise stemmen können; ein Mazedonier verfügt im Schnitt über ein Monatsgehalt von unter 400 Euro. Nur einige Minuten dauert der Aufstieg zu Sveti Mihail, wir öffnen die knarzende Holztür und staunen. Die Kirche wurde vor über 700 Jahren in den Stein gehauen, allein diese Tatsache lässt einen in Ehrfurcht erstarren. Die Fresken an den unebenen Wänden sind nicht sehr gut erhalten, dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist diese Höhlenkirche ein mystischer Ort, an dem man die hundert Jahre alte Geschichte einatmet wie die feuchtkühle Luft.

Heute verlassen wir die Urlaubsregion um den See und fahren ins Hinterland, um am Rande der Jablanicaberge das “Dorf der Widerspenstigen” zu besuchen. Vevčani, das gerade mal 3000 Einwohner zählt, ist ein Kuriosum: Im alten Jugoslawien lehnten sich die Einwohner erfolgreich gegen die Machthaber auf, die die Quellen des Dorfes umleiten wollten. Als dann Anfang der 90er-Jahre Jugoslawien zerbrach, proklamierten sie kurzerhand eine eigene Republik. Diese wurde zwar nie anerkannt, aber der Wille zählt. Man hat eine eigene Währung und vergibt einen eigenen Reisepass, der für knapp zwei Euro erworben werden kann. Es ist ein uriges Dorf mit liebevoll restaurierten alten Häusern aus Stein. Uns fällt auf, dass hier mehr Muslime leben als unten am See. Ein frisches Lüftchen weht uns schon von Weitem entgegen, als wir hinauffahren zu den Quellen. Wir treten durch ein rustikales Holztor ein in ein wundersames, grünes Paradies. Über verschlungene Pfade und Brücklein wandelt man an Strudeln und Bachläufen entlang, das Wasser ist glasklar und lädt zum Trinken ein. Mit belebtem Geist und Körper verlassen wir irgendwann die grüne Oase. Gemächlich zuckeln wir hinter einem Traktor her, dessen Heuladung auf dem Hänger sich in den Himmel türmt. Ein schönes Symbol für das Tempo des Landes: Man hat Zeit.

Die letzte Station unseres Aufenthalts im Land mit der fröhlichen Sonnenflagge ist die Stadt Bitola unweit der Grenze zu Griechenland. Bitola ist eine stolze Stadt mit einer langen Geschichte, die hinter jeder Fassade und jedem Stein hervorblitzt. Ende des 14. Jahrhunderts kamen die Osmanen, um für Jahrhunderte zu bleiben. Davon zeugt das Basarviertel Čaršija nördlich des Flüsschens Dragor, ein lebendiger Markt mit vielen kleinen Mode- und Kurzwarengeschäften. Sonnenlicht flutet die Kopfsteinpflasterstraßen, Leute tragen Tüten mit frischem Fladenbrot durch die Straßen, plötzlich fühlen wir uns, als seien wir in Istanbul oder Isfahan. Wir trinken eiskalten Frappé in einem urigen Café im Schatten einer alten Moschee. Der Uhrturm Saat Kula aus dem 17. Jahrhundert und die Yeni-Moschee daneben sind weitere eindrucksvolle Zeugen des osmanischen Erbes. Dann überqueren wir den Dragor und treffen auf die Einkaufsstraße Širok Sokak, deren hübsche Neobarock- und Renaissancefassaden uns entgegenstrahlen.

Unser Grenzübergang nach Albanien heißt Qafë Botë. Das Land des Doppelkopfadlers hat uns wieder. Nach Gjirokastra ist es so weit wie von Aalen nach Stuttgart, wir sind schnell da. Ein Häusermeer aus grauem Kalkstein breitet sich an den Hang geschmiegt vor uns aus. Das Grau erinnert an Häuser in Schottland oder in der Bretagne, die Bauart ist uns neu. Stattliche Herrenhäuser wechseln sich mit verspielt verwinkelten Häuschen mit Balkonen und Erkern und dunklen Holzbalken, die die Dächer stützen, ab. Auf der Steinterrasse eines urigen Lokals in der schmucken Altstadt stärken wir uns mit weißem Grillkäse und Qifqi, vorzüglichen Eier-Reis-Bällchen mit Minze. Gegen den Durst hilft eine Flasche Korça. Albanien ist zwar stark muslimisch geprägt, aber man nimmt es eher locker mit der Auslegung des Koran. Es gilt: „Kultur vor Religion!“ und gegen ein Gläschen Bier, Wein oder Raki hat hier niemand etwas einzuwenden.

Später hieven wir uns bei Saunatemperaturen den steilen Berg hinauf zum Zekate-Haus aus dem Jahre 1811. Wir sind zunächst etwas schüchtern und trauen uns nicht recht, über die Privatterrasse der Familie Zeko zum Eingang zu gehen. Herr Zeko ist dieses Verhalten westlicher Touristen wohl schon gewohnt und bittet uns freundlich herein. Innen steigen wir in diesem stattlichen Doppelflügelhaus die fast senkrechten Holzstiegen nach oben und genießen einen herrlichen Blick über die vor uns abfallende graue Stadt. Alles in Gjirokastra ist steil, schräg, vertikal. Das ist ein Phänomen, für dessen Genuss man über eine gewisse körperliche Grundkonstitution verfügen sollte. Die luftigen Räume sind wenig ausgestattet, dennoch bekommt man einen guten Eindruck vom Leben einer osmanischen Großfamilie. Wir machen uns gleich im Anschluss an den Abstieg über die schön gemusterten Pflasterstraßen zu einem weiteren Doppelflügelhaus, dieses Mal aus dem Jahre 1700: das Skenduli-Haus. Eine Frau, laut Reiseführer die Tochter des Eigentümers, führt uns sogleich zum schönsten Raum des Hauses und erklärt uns in routiniertem Englisch die Details: Es ist das Hochzeitszimmer, das ausschließlich zu diesem Anlass genutzt wurde. Der Raum ist rundum mit Ottomanen ausgestattet, damit die Hochzeitsgäste bequem sitzen oder liegen konnten. Die schönsten Plätze vor den Fenstern waren den Männern von Rang und Namen vorbehalten, Frauen durften an der Zeremonie nicht teilhaben. Ihnen blieb nur die Empore, von der sie durch ein hübsch gedrechseltes Holzgitter einen versteckten Blick auf die Männergesellschaft werfen und aus der Ferne schon einmal ihre Ehemänner in spe beäugen konnten. Der Granatapfel, ein Symbol für Wohlstand und Fruchtbarkeit, ziert in mannigfaltigen Ausprägungen die Wände und Holzvertäfelungen. Gjirokastra, wo der Diktator Enver Hoxha geboren wurde, ist bekannt für seine Webwaren.

Am nächsten Morgen fahren wir durch flache, dünn besiedelte Landschaften zur letzten Station unserer Balkanreise: Durrës an der Adria. Die Spore des italienischen Stiefels befindet sich nur gute hundert Kilometer weiter westlich. Durrës ähnelt Caorle oder Bibione drüben auf der anderen Seite des adriatischen Meeres. Der lange Sandstrand ist gepflastert mit Hotels. Der Strand fällt sehr sanft ab, man watet bestimmt hundert Meter durch hüfthohes Wasser bis es tiefer wird, ein optimaler Badeort für Kinder, die sich hier sehr zahlreich tummeln. Ein sehr lauter und turbulenter Ort. Den Rückflug treten wir mit etwas Wehmut an. Noch im Flieger nehme ich mir vor: Zukünftig in der U-Bahn jedem Fremden ein Lächeln zu schenken.

Text: Anna Ritter // Fotos: Maik Müllner

 

 

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