DAS LEBEN MUSS IN EINEN KOFFER PASSEN

Inés Hermann ist eine Frugalistin. Ihr Credo: Reichtum durch Bescheidenheit.

Vor mehr als zwei Jahren hat sich Inés Hermann beurlauben lassen. Die Beamtin auf dem Ordnungsamt entschied sich für ein Sabbatjahr aus dem mehr wurde. Finanziell kann sie sich das leisten. Als Frugalistin lebt sie besonders sparsam. Frugal bedeutet “einfach, bescheiden, mäßig”.

Inés Hermann weiß die gewonnene Zeit und ihre Freiheit zu nutzen. Sie schrieb unterdessen fünf Bücher und gibt an 25 Volkshochschulen Kurse zum Thema: Do it yourself. Und dabei geht es nicht nur um Standards wie das Filzen oder das Kochen. Nein, sie ist eine wahre Meisterin im Herstellen von naturbelassenen Putzmitteln und Kosmetik. Seife herzustellen, sei für sie nichts anderes als für andere Marmelade selber zu machen. Die 57-Jährige lebt minimalistisch. Aber nicht auf die schwäbisch, knausrige Art. Sie kauft einfach wirklich nur das, was sie auch braucht. Es soll Frugalisten geben, die ihren Wunsch auf einen Zettel schreiben, den Zettel in ein Glas stecken und wenn sie nach einer Woche noch den selben Wunsch haben, dann wird es gekauft. Auch sie setze ihre Wünsche auf ihre geistige Liste. Schon als Jugendliche sei sie davon überzeugt gewesen, man sollte nie mehr haben, als man tragen kann. “Das Leben muss in einen Koffer passen. Das Leben ist eine Reise, die Güter die wir anhäufen, nur Ballast.”

Die geborene Aalenerin entdeckte in ihrer Jugendzeit die Punkbewegung für sich. Schon damals holte sie ihre Klamotten aus dem Altkleidersack. Die nonkonformistische Grundhaltung dieser Subkultur gefiel der damals 20-Jährigen. Fahrt aufgenommen habe das Thema mit Fair Trade. Die fairste Kleidung, das betont sie, sei Secondhand. Die Kleiderkammern seien gestopft voll. Warum Leute beim Billigdiscounter Kleidung kaufen, obwohl es tolle Kleidung, eben schon getragen, im Secondhandladen gebe, verstehe sie nicht. Inés Hermann kann nicht genau sagen, wann sie das letzte Mal ein Kleidungsstück neu gekauft hat. Schuhe schon, doch die trage sie in der Regel 20 Jahre, das falle nicht groß ins Gewicht. Über die Sammelwut mancher Zeitgenossen kann sie nur lachen. Schuhe sammeln? Ein Verhalten das für sie unverständlich ist. Als Hinterwäldlerin bezeichne sie sich dennoch nicht. Heute näht sie nicht nur ihre Kleider selber sondern auch Tragetaschen. Ihre Mutter war Schneiderin, nur mit 18 Jahren hätte sie nie etwas selbst genäht. Nähen war für sie ein Symbol für die Knechtschaft der Frau. Wichtig sei jedoch immer alles im zeitlichen Kontext zu sehen. Heute sei die Gleichberechtigung um einiges weiter, nicht wie damals in der Schule, als Jungs noch Werken hatten und Mädchen Kochen. Man müsse die Dinge immer wieder neu überdenken, dass rate sie jedem. Das sei es auch, was sie an so manchen Gruppierungen störe, das Stehenbleiben und das Ignorieren des Wandels und der neuen Erkenntnisse. Den Glauben zum Beispiel, dass Butter schlecht und Margarine gut sei, habe sie verworfen. Ihr Sohn unterrichtet Biologie, er kam zu ihr und meinte: „So wie Du es darstellst ist es nicht.“ Man müsse sich auch eingestehen können, sich getäuscht zu haben. Der Joghurt sei allerdings geblieben. Den stellt die Familie nach wie vor selber her. Bei den Molkerei- und den Kosmetikprodukten kenne die Verschwendung keine Grenzen. Und dabei gehe es nicht darum, dass der Joghurt Geld koste. Sondern viel mehr um die Verpackung. Die Mutter von fünf Kindern gehört nicht zu denen, die nur für die Umwelt predigen und vor deren Zerstörung warnen, für die 57-jährige ist es eine Lebenseinstellung. Do it yourself ist für sie kein Hobby, sondern ein Teil der Lebensführung.

In alten Haushaltsbüchern fand sie Rezepturen für die Herstellung der eigenen Putzmittel. Früher galt eine gute Haushaltsführung als lebensnotwendig. Die alten Bücher zeigen auf, wie man Dinge verwerten kann, wo man Zeit und Ressourcen einsparen kann. Putzen sei eine Wissenschaft. Und sie erklärt den Sinnerschen Kreis: Der bestehe aus Kraft, Temperatur, Zeit und Chemie. Nehme ich Kraft und Zeit weg, muss der Chemiepegel erhöht werden. Wer mit Verstand putzt, schone die Umwelt und spare Geld. Wer minimalistisch lebt, komme langfristig besser weg, denn schließlich erlange man viele Freiheiten, schon weil man mehr Geld zur Verfügung hat. Anfänglich habe man ihr unterstellt, sie sei arm und lebe so aufgrund der vielen Kinder. Im Alter wurde ihr immer mehr bewusst: Es gibt nur zwei Dinge, die wirklich wertvoll sind: Zeit und Platz. Dennoch sei der Konsumverzicht für sie keine Religion. Auch wenn die Aktivistin viele Klischees erfüllt: Einen Fernseher hatte sie noch nie. Vernetzt ist sie, man informiert sich in der Familie über das Internet und weiß dessen Vorteile zu schätzen. Ihr Mann, Dr. der Informatik, unterstützt sie in ihrem Handeln. Er ist ihr zweiter Mann. Kennengelernt haben sich die beiden auf Burg Katzenstein bei einem Liverollenspiel. Und ob real, auf dem Spielbrett oder im Internet – Rollenspiele liebt die ganze Familie. Alle kämpfen in der selben Schlacht, wie auch in punkto Umweltschutz und finden im Spiel ihren Ausgleich zum Alltag.

Auf Demonstrationen geht die Beamtin heute nicht mehr. Anfang der 80er Jahre hatte sich in Hüttlingen eine Bewegung gegen die Sondermüllverbrennungsanlage gegründet. Heute frage sie sich: „Wo sind die Leute heute eigentlich alle hin?“ Dort habe sie zum ersten mal „normale“ Leute auf einer Demonstration gesehen. „Nicht solche Typen wie wir“, sagt sie und lacht. Alle wehrten sich gegen dieses Müllaufkommen. Und heute wird weiterhin verpackt, als wenn es kein Morgen gebe. Sie arbeitete auf dem Umweltamt, als die Leute noch anriefen, wenn der Kocher blau oder grün gefärbt war. Das Totschlagargument der Firmen damals: „Tja, wir brauchen die Arbeitsplätze.“ Heute existieren diese Firmen zum Teil gar nicht mehr. Sie wünsche sich, das man in die Zukunft schaue und nicht nur an das Jetzt denke. Nachhaltig und wertvoll, statt schnell und billig.

Text: Susanne Rötter // Foto: Andreas Wegelin

 

 

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