DAS ETHOS DES FOTOGRAFEN FRANK KELLER

Verantwortlich handeln – im Umgang mit seinen „Kellerkindern“ und mit der Kamera.

Eigentlich wollen wir über das Fotografieren reden. Über Bewegung und Statik. Über Brennweiten und Blenden, über schwarzweiße Dramatik und bunte Vielfalt – über die Philosophie des Fotografen. Wie erfasse ich die Welt am besten? Eigentlich. Statt dessen reden der Fotograf und Pädagoge Frank Keller und ich über die Ethik im Alltag; dass empathisches Verhalten erlernbar sei – jedoch nur verinnerlicht authentisch wirksam werde. „Das müsste das Standardverhalten sein“, meint Keller. Müsste.

Von der Arbeit mit seinen „Kellerkindern“ am Werkgymnasium in Heidenheim weiß der Lehrer, der nach dem Magisterexamen noch das Staatsexamen gemacht hat: „Ethikunterricht ist harte Arbeit“. Wer doziert, hat schon verloren. „Man muss überzeugen.“ Dazu sollte man wissen, warum man etwas macht. Als Kronzeugen für sein pädagogisches Selbstverständnis beruft er sich auf den Königsberger Denker Immanuel Kant. „Ethik im Alltag heißt verantwortlich handeln“, interpretiert er Kants kategorischen Imperativ als eigene Maxime. Kooperation ohne Verantwortung geht nicht. Keller hat noch einen weiteren Gewährsmann in petto. Den schottischen Philosophen David Hume. Auch jener hatte schon die Kooperation empfohlen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, das am Wohl der Gemeinschaft orientiert ist.

Die ethische Brücke, um von der philosophischen Theorie zur fotografischen Praxis zu gelangen, zimmert uns ein unbestechlicher Beobachter und Interpret gesellschaftlicher Wirklichkeit, der Schriftsteller Heinrich Böll. Entschieden kamerascheu, hat er dennoch immer wieder die Bibel zitiert: „Wer Augen hat zu sehen, sehe!“ Nur selbst scheute er das Objektiv. Weil er wusste, dass das Abbild schon damals zu analogen Zeiten nicht immer der Wirklichkeit im Sinne von festgehaltener Wahrheit entsprach. In einem Beitrag unter dem Titel „Die humane Kamera“ zum Katalog zur Weltausstellung der Fotografie in Luzern 1964 hat er den Missbrauch, die Möglichkeit der Denunziation, die Zudringlichkeit von Fotografen (die Treibjagd mit dem Objektiv) und als deren Folge die verletzende Indiskretion scharf kritisiert. Zitieren wir nochmals Heinrich Böll, um zu Frank Keller zurückzukehren: „Ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers.“

Und des Fotografen, falls er ernstgenommen werden möchte. Beim Blättern durch die weitläufige Galerie des Lehrers, dessen Bildsprache in Foren international wahrgenommen und anerkennend kommentiert wird, fällt auf, dass er selbst immer im Hintergrund bleibt. Was zählt, ist der Moment der Aufnahme; das Objekt wird zum Subjekt – es inszeniert sich selbst, unbewusst, in seiner ganz persönlichen Anmut. Nichts Voyeuristisches kann da den Blick verstellen. Beispielhaft seine Schwarzweißbilder aus und von seiner Lieblingsstadt Paris. Das Titelfoto zeigt eine Gruppe von Personen, die den Eindruck einer spektakulären Stadtlandschaft genießen wollen, es bereits getan haben und auf dem Rückweg sind, sie gerade mit dem Fotoapparat zu erfassen versuchen – oder noch den richtigen Blickwinkel austarieren. Soweit die Beschreibung. Tatsächlich erzählt Frank Keller auf dieser sensationellen Aufnahme eine ganze Geschichte. Ein Kondensat von Zeit und Raum in einem Bild. Aufgenommen mit einer Mittelformatkamera.

„Was zählt, ist der Moment der Aufnahme; das Objekt wird zum Subjekt – es inszeniert sich selbst, unbewusst, in seiner ganz persönlichen Anmut“

Seine Liebe zur Fotografie hat er mit 9 Jahren entdeckt, erinnert sich Frank Keller. Sein erster Apparat war eine Sucherkamera für 19 D-Mark. Die nächste verfügte bereits über ein M-42-Bajonett und ein Spiegelreflexsystem, ein von „Quelle“ unter dem Namen „Revue“ vertriebenes DDR-Produkt („Praktica“). In seinem Großvater väterlicherseits fand Enkel Frank seinen ersten Lehrmeister. Der Physiker und Mathematiker zeigte ihm auf, wie man am besten eine Raumsituation erfassen kann. Man muss den richtigen Ort finden. Für sein Parisfoto mit den jungen Menschen hat er eine Viertelstunde im Hintergrund gewartet, bis die Personen im Raum so verteilt waren, wie er es wollte. Statik und Dynamik in der notwendigen Balance. Ein besonders schönes Beispiel ist seine Innenaufnahme der neuen Bibliothek in Stuttgart. „Lightroom“ hat er sie benannt. Treppen, Gänge und Geländer fügen sich wie zu einem gigantischen, lichtdurchfluteten Mühle-Spiel, auf dem die verharrenden und gehenden Menschen die Spielsteine darstellen. Aber für solche Geduldsspiele nimmt sich Frank Keller selten Zeit. Er fiebert dem Augenblick entgegen, in dem es um Sekundenbruchteile geht. Ein Zug fährt vorbei in die Unschärfe. Und da ist der Mann, der durch das Fenster blickt und ihn, den Fotografen anblickt. Ungewollt, doch dankbar angenommen als Glücksmoment. „Die Zeit ist ein Strom – und die Kamera schwimmt darin mit“, treibt der Ethiklehrer ein bisschen praktische Philosophie.

Für Geduldsspiele nimmt sich Frank Keller selten Zeit. Er fiebert dem Augenblick entgegen, in dem es um Sekundenbruchteile geht. Zuvor muss er jedoch für sich den richtigen Ort gefunden haben – das A und O.

Die Straße beschreibt Frank Keller als eine Bühne. Man kann das Geschehen auf ihr horizontal aufnehmen – aber warum nicht auch vertikal aus der Vogelperspektive. Umgesetzt hat der Tüftler diese Idee mit einer Drohne. Die Landschaft von oben wirkt wie stark geometrisch orientierte Farbfeldmalerei. Und auf einer Parkplatzhälfte drängen sich die Autos zusammen wie eine Herde Schafe; allerdings in Reih und Glied. Ein weiteres Raumerlebnis der besonderen Art. Braucht es angesichts dieser natürlichen Kompositionen den Menschen überhaupt? Der sei „ein wunderbarer Störfaktor“, lacht Keller. Doch wenn er in einer Szene auftauche, müsse er als wichtig wahrnehmbar sein. Rausgeschnitten wird er jedenfalls nicht. Denn an dieser Maxime lässt der Fotograf aus Ellwangen nicht rütteln: „Meine Bilder zeigen, was ist. Sie gaukeln nichts vor.“

„Zeit heilt keine Wunden“ lautet der Titel eines dicken unveröffentlichten Manuskripts, das in Kellers Keller ruht. Man muss schon selbst handeln. Eine Handlungsanleitung für den Unterricht ist jedoch öffentlich verfügbar. Ein Arbeitsheft über den ethischen Umgang mit Tieren. Sein Meerschweinchen hegen und die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung zuzulassen geht gar nicht.

Text: Wolfgang Nußbaumer

Frank Keller
Hubertusweg 41 73479
Ellwangen +49 7961 9868639
info@keller-photos.com

Frank Keller

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