#ZUHAUSEGEBOREN

Der Deutsche Hebammen Verband startete unter dem Hashtag #zuhausegeboren eine Aktion, die Frauen ermutigen soll, die Geschichte ihrer Hausgeburt zu erzählen.

Frauen haben die Wahl, ihr Kind in einem Krankenhaus, Geburtshaus oder Zuhause zu gebären. Dieses Wahlrecht droht jetzt eingeschränkt zu werden, weil die Krankenkassen verbindliche und nicht wissenschaftlich belegte Ausschlusskriterien für Hausgeburten festlegen wollen. Eine öffentliche Debatte soll das verhindern.

Schwanger mit dem ersten Kind, stand eine Geburt im Krankenhaus auf dem Plan. Die Wahl fiel auf eines, dessen Kreißsaal besonders warm wirkte. Ja, geradezu gemütlich, ein bisschen wie zu Hause. Als sich die Geburt ankündigte und wir uns auf den Weg in das gewählte Krankenhaus machten, dort ankamen, platzte diese Illusion so schnell wie eine Seifenblase. Der Empfang war eher harsch. Der Muttermund wurde untersucht: Ergebnis – der sei erst zwei Zentimeter offen. Das könne noch dauern. „Wenn sie es nicht mehr aushalten geben wir ihnen eine PDA“. Eine Periduralanästhesie? Ich war erstaunt über das vorschnelle Angebot. Ich packte meine Sachen wieder zusammen und verlies das Krankenhaus. Wer mir ohne weiter auf mich einzugehen oder überhaupt nach meinem Befinden zu fragen, derartige Dinge vorschlägt, hat mein Vertrauen verloren. Die Presswehen erlebte ich dann in meinem eigenen Bett. Also fuhren wir mitten in der Nacht zurück ins Krankenhaus. Eine Geschwindigkeitskontrolle hätte uns nicht in den Weg kommen dürfen. Trotz Eiltempo und Gesetzesverstoß schafften wir es nicht mehr rechtzeitig. Zum Krankenhaus schon, jedoch nicht mehr in den Kreißsaal. Es war mitten im Dezember und nun war mir klar, wie sich Maria gefühlt haben musste. Ihr Stall war unser Auto, die Hebammen des Krankenhauses nabelten ab. Es war kalt, doch alle waren wohl auf. Vor allem das Kind, das mit rund 4000 Gramm das Licht der Welt erblickte.

Beim zweiten Kind war mir klar, den Weg in das Krankenhaus, den spare ich mir. Wir entschieden uns für eine Hausgeburt. Sabine Hanke-Seidel betreute mich acht Monate auf eine ganz intensive und kompetente Weise. Ich habe mich geborgen gefühlt. Sicher. Verstanden. Gut aufgehoben. Gefühle, die für eine Geburt meiner Meinung nach notwendig sind, damit alles harmonisch verläuft. Denn wer gebären will, muss loslassen können. Sich öffnen, frei fühlen. Auf mich wirkt jede Fremdbestimmung wie eine Fessel, die mir die Luft zum atmen nimmt. Sobald unsere Hebamme das Haus betrat, kehrte Frieden ein. Sie strahlte eine unglaubliche Ruhe aus. Anders als meine damalige Frauenärztin, die mir mit unglaublichen Manövern versuchte, die Hausgeburt auszureden. Ich fühlte mich nicht nur schlecht beraten sondern regelrecht an der Nase herumgeführt. Meiner Idee tat das keinem Abbruch. Ich fühlte, dass meine Entscheidung richtig war.

Sabine und ich schmiedeten Pläne. Im Garten sollte es zur Welt kommen. Zumindest plante ich, dort einen Teil der Zeit zu verbringen. Doch es kam anders. Es war ein warmer Tag im Juli, ein Mittwoch. Beim Duschen morgens platze die Fruchtblase. Ich rief Sabine an, sie setzte ein Ultimatum. Denn der Blasensprung kündigt die Geburt an. Das Baby sollte dann schnell kommen, Infektionen könnten aufsteigen. Unerschrocken wie ich bin, fuhr ich dennoch auf den Wochenmarkt. Erledigte schnell die Einkäufe, um danach zu Hause auf die Hebamme zu warten. Leider liegen zwischen unseren Wohnorten 40 Kilometer. Es war Berufsverkehr. An Überholmanöver nicht zu denken. Telefonisch hielten wir den Kontakt. Irgendwann war klar: Sie schafft es nicht mehr. Und während mein Vater sich um den Erstgeborenen kümmerte, war meine Mutter bei mir. Im Vierfüßlerstand kam das zweite, 4300 Gramm schwere Kind zur Welt. Sabine kam zum Abnabeln. Alle gesund. Alle glücklich. Um bei den Begrifflichkeiten zu bleiben, hatte ich keine Hausgeburt, es war eine „Alleingeburt“. Die werden übrigens immer mehr, weil die Zahl der Hausgeburtshebammen weiter abnimmt. Leiden und Kämpfen sind Organe des Werdens, dass hat Herder einmal gesagt. Dem schließe ich mich an.

Text: Susanne Rötter // Foto: Andreas Wegelin

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Gesundheit

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