SURVIVAL-KIT FÜR KRISEN

Oft kommt sie ohne Voranmeldung. Wie ein ungebetener Gast. Sie schlägt ein, verursacht Risse, im Leben und in der Seele. Eine echte Krise erschüttert. Gut, wenn man dafür gewappnet ist. Unser Survival-Kit soll helfen.

Es klingelt an der Tür. Nachts, 2.30 Uhr. Aufmachen? Ignorieren? Wer will etwas von ihr um diese Uhrzeit? Verschlafen geht sie zur Tür und fragt über die Sprechanlage, wer da ist. „Ja, hallo, hier ist die Polizei. Ihre Mutter hat uns gebeten sie zu informieren. Ihr Vater ist im Krankenhaus, es sieht nicht gut aus …“ Plötzlich ist sie hellwach. Sie öffnet die Tür. Die Polizisten sagen, dass ihr Vater im Sterben liegt. Ihre Mutter möchte, dass sie schnell kommt. Eine Woche später, nach langen Nächten und Tagen auf der Intensivstation, ist ihr Vater tot. Sie konnte nicht mehr mit ihm sprechen, er war an ein Beatmungsgerät angeschlossen, wurde nicht mehr wach, bevor er starb. Eine massive Einblutung im Gehirn, nichts mehr zu machen, sagten die Ärzte. So oder so ähnlich kann man sich den Beginn einer Krise vorstellen. Nichts ist mehr wie es war. Alle Routinen des Alltags brechen von einem Moment auf den anderen weg. Der Tod eines geliebten Menschen, die Trennung vom Partner, der Verlust des Arbeitsplatzes, zahlreich sind die möglichen Auslöser einer Krise. So unterschiedlich ihr Erscheinen auch ist, eins haben sie jedoch gemeinsam: Sie sind total. Das heißt sie nehmen uns in unserem Erleben so stark ein, dass wir nicht mehr mit herkömmlichen Mustern darauf reagieren können. Normalerweise haben Menschen im Lauf ihres Lebens Routinen entwickelt, mit denen sie den Alltag bewältigen. Krisen reißen uns aus diesen Routinen und sorgen dafür, dass wir uns wieder neu orientieren müssen. Oft in Bereichen in denen wir bisher gar keine Vorerfahrung haben.

Stellen sie sich vor Sie verlieren ihren Arbeitsplatz nach 20 Jahren. Oder Ihr Partner/ Ihre Partnerin verlässt Sie. Oder Sie befinden sich in sogenannten Übergangssituationen. Vom Jugendlichen zum Erwachsenen, vom Erwerbstätigen zum Rentner. Vielleicht stellen Sie Ihre Identität in Frage, haben Zweifel daran wer Sie sind, möglicherweise ausgelöst durch die harsche Kritik eines anderen. Von einem auf den anderen Moment stehen Sie vor einer neuen Realität. Diese muss zwangsläufig bewältigt werden. Nur wie? Wenn ihnen dann jemand in der Krise erklärt, dass diese eine Chance sei, hilft ihnen das vermutlich wenig. Die Chancen, die aus Krisen entstehen, spielen im unmittelbaren Krisenerleben meist keine Rolle, sind nicht wahrnehmbar. Das ist auch mit dem „totalen“ Erleben gemeint. Krise heißt tatsächlich keinen Plan zu haben, wie man die Situation jemals bewältigen soll. Sonst wäre es keine Krise.

Der Begriff der Krise leitet sich aus dem griechischen Wort „crisis“ ab. Dies bedeutet so viel wie Scheidung, Streit oder Entscheidung nach einem Konflikt. Die etymologische Wurzel des Wortes geht auf das Wort „krinein“ zurück, was trennen bedeutet. Es deutet darauf hin, dass Krisen etwas mit der Unterbrechung des Gewohnten zu tun haben, also ein einschneidendes Geschehen beschreiben. Im Alltag wird der Begriff Krise manchmal inflationär verwendet. Schnell werden lebenstypische Ereignisse zur Lebenskrise stilisiert. Wer in seinem Leben eine echte Krise hatte, weiß sofort worin der Unterscheid liegt. Sie geht mit dem Erleben von Hilflosigkeit einher. Meist mischt sich Verzweiflung dazu. Es herrscht das Gefühl vor, dass es nie wieder besser wird. Das nichts aber auch gar nichts die Lage verändern könnte. Und nur langsam gelingt es den meisten Menschen sich aus dem Krisenerleben zu lösen.

DAS KRISEN-SURVIVAL-KIT

Im Verlauf eines Lebens meistern Menschen zahlreiche Krisen. Deshalb ist es wichtig zuerst eine Bestandsaufnahme zu machen. Erinnern sie sich an kritische Lebensereignisse und daran wie Sie diese in der Vergangenheit bewältigt haben. Oft sind es die Verbindungen zu Familienangehörigen und guten Freunden, die im ersten Moment den Halt bieten, den man in der Krise nicht mehr spürt. Sie brauchen deshalb für Ihr Krisen-Survival-Kit ein Notizbuch mit der Nummer eines Freundes oder Familienangehörigen, dem Sie vertrauen und den Sie auch mitten in der Nacht wecken könnten. Prüfen Sie von Zeit zu Zeit ob der Mensch in ihrem Notizbuch immer noch derjenige wäre, dem Sie sich in einer schwierigen Lebenssituation anvertrauen. Es wäre auch gut, wenn Sie bevor überhaupt eine Krisensituation eintritt, mit den Menschen sprechen würden, die Sie zu ihren persönlichen Krisenbegleitern ernennen. Krisen gehen oft mit Scham einher. In einer Welt, in der jeder vorgibt fantastisch zu sein, kann z. B. berufliches Scheitern stark mit Scham besetzt sein. Es ist dann besonders wichtig, sich jemandem anzuvertrauen, dem man nichts vormachen muss, der einen kennt und liebt wie man ist.

Wenn es in Ihrem Leben im Moment keinen Menschen gibt, der Ihnen dieses Gefühl gibt, scheuen Sie sich nicht die Telefonseelsorge anzurufen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist Akzeptanz. Es ist sinnvoll sich in einer Krise auf die Aspekte zu konzentrieren, die Sie ändern können. Wenn Sie sich auf das konzentrieren, was unveränderlich ist, raubt ihnen dies die Kraft, die Sie zur Bewältigung brauchen. Besonders tückisch ist in Krisensituationen das in Frage stellen des eigenen Selbstwertes. Entwickeln Sie Vertrauen in ihre Fähigkeit zur Lösung von Problemen. Vertrauen Sie ihrer Intuition was die nächsten Handlungsschritte angeht. Vermeiden Sie es, sich klein zu machen. Definieren Sie kleine, realistische Ziele. Kommen Sie ins Handeln und tun Sie etwas. Fragen Sie sich: „Was kann ich heute erreichen? Was hilft mir mich in die Richtung zu bewegen, in die ich gehen möchte?“

Gehen Sie achtsam mit sich und Ihren Gefühlen um. Fragen Sie sich, welche Aktivitäten Ihnen gut tun. In einer Krisensituation kann die fehlende Orientierung, das Nichtwissen um die nächsten Schritte, sehr belastend sein. Es ist deshalb notwendig, intensiv erlebte negative Emotionen auf ein erträgliches und angemessenes Maß herunter zu regulieren. Vielen Menschen hilft in diesen Situationen Sport oder auch das Hören von Musik aus Tagen, an denen es Ihnen besser ging. Für Ihr Survival-Kit sollten Sie deshalb immer eine Auswahl an möglichen Musiktiteln parat haben, die Ihnen Kraft geben und die Sie in eine positive Grundstimmung versetzen.

Bei meinen früheren Forschungen habe ich Interviews mit Menschen geführt, die zahlreiche kritische Lebensereignisse gut bewältigt haben. Die Geschichte eines Mannes, der seinen Sohn durch einen Motorradunfall verlor, ist mir noch gut in Erinnerung. Er sagte: „Man bekommt nur so viel zugemutet, wie man auch ertragen kann.“ Das ist zwischenzeitlich mein Leitsatz. Er beinhaltet automatisch, die Kraft die man braucht, um durch Krisen zu gehen.

Text: Dipl. Psych. Margit Nowotny // Foto: privat

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Gesundheit

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