LIEBE 68ER,

Ein Gastkomentar von Markus Herrmann

okay. Ich gebe es zu: Ich finde euch richtig geil. Der Hammer! Ehrlich. So, jetzt ist‘s raus. Da sollen sie doch an euch rumnörgeln so lange sie wollen. Viel Trara um nix hättet ihr gemacht. Pah! Kein Stück eurer hochfliegenden Pläne seien am Ende wirklich von euch auf den Weg gebracht worden. Blödsinn. Und selbst wenn schon: Ihr wart wenigstens eine voll krasse Truppe. Die letzte, die hier in den vergangenen Jahrzehnten noch so richtig was losgemacht hat. Und zugegeben: Das sage ich durchaus mit einer gehörigen Portion Neid.

Ich Babyboomer hing noch an den seinerzeit hochmodernen Hipp-Gläschen, als ihr euch schon die ersten Tüten reingezogen habt. Alle Achtung! Ok, ich höre jetzt schon die Mauler und Nöler meines Jahrgangs 1964. Ja, ja, stimmt schon; wir geburtenstarken Jahrgänge zahlen euch heute mühsam eure üppigen Pensionen und Renten. Aber ich sage: Das habt ihr euch doch auch verdient! Womit? Na, mit der ungeheuren Coolness und Lässigkeit, mit der ihr durchs Leben geritten seid. Die Hollywood-Cowboys waren gegen euch doch spießig-brave Damenradfahrer. Klar, es konnte nicht jeder bei den Sit-Ins an der Uni und bei den taffen Demos in Berlin mitmischen. Irgendjemand musste doch zu Hause die Einkäufe für Oma machen und das frisierte Moped zum TÜV fahren. Aber auch in der Provinz gab es so einiges umzustürzen. Was? Naja, irgendwas wohl schon, oder? Egal, ihr wart für mich trotzdem immer die John Waynes der Vorgärten in Stuttgart-Sillenbuch. Die Butch Cassidys der Kehrwoche.

Waldsterben? Tote Flüsse? Die Sorge vor dem „Fulda Gap“, über den die bösen Russen im drohenden dritten Weltkrieg schnurstracks durch Deutschland bis zum Rhein marschiert wären? Ölkrise? Ha! Bei sowas habt ihr doch nur locker eure selbstgedrehte Fluppe aus dem Mundwinkel genommen und provokativ ins Rosenbeet der Nachbarn geschnipst. Was für Teufelskerle! Unsere Angst kanntet ihr nicht. Während wir uns ab den 80ern vorsichtig und niedergeschlagen durchs Leben zitterten, habt ihr als Kommunarden in den Kommunen einfach zuerst das Kapital und dann euer Kapitälchen ausgepackt und – zack! – standen die Kerls senkrecht und die Mädels Schlange. Gott, was hab‘ ich da neidisch drauf zurückgeschaut, als wir einige Jahre später einer potentiellen Geschlechtspartnerin feinsäuberlich und lückenlos die Historie unserer Sexualkontakte in einer Excel-Liste vorlegen mussten, um möglicherweise zum Zug zu kommen. Aids und ein neues Rollenverständnis ließen grüßen. Glaubt mir: Ich weiß, was es heißt, wenn man von Beziehungsarbeit spricht.

Na, das war doch 68 noch ganz anders. Rein in den VW-Bully (den manche von euch sich heute wieder gebraucht für 60 Riesen vor ihren Altbau-Loft in Stuttgart-West parken) und raus zum nächsten Festival. Love and peace. Marihuana und Maultauschen. Alle Menschen werden Brüder; Schwestern sind natürlich auch gerne gesehen. Zukunft ist gut für alle! Wir haben zwar die Erde nur von unseren Enkelkindern geliehen. Aber von zurückgeben hat keiner was gesagt. Lasst uns leben! Boaah. Sooo cool. Gut. Zugegeben. Nicht alles war so cool. So mancher ärgert sich seither darüber, dass man nicht mehr in Ruhe in der Krone in Hebsack oder im Goldenen Lamm in Beutelsbach (oder so ähnlich…) seinen Zwiebelrostbraten mit Lemberger genießen kann, weil einem die anti-autoritär erzogenen Rotzlöffel ständig ins Essen blöken. Und einige unken sogar, dass ihr an den „Grünen“ Schuld seid. Tstststs. Eigentlich unglaublich, dass damals eine komplette Generation wie ehedem Peter Fonda mit einem Stars-and-Stripes-Motorradtopf über dem wallenden Langhaar auf einer „Captain America“ durch den Schurwald cruiste, den Muff aus tausend Jahren aus den Talaren und den Shit aus den Tütchen pustete und „Aquarius“ trällerte. Wer leerte unterdessen seinerzeit eigentlich den Müll? Egal, blöde Frage. Lasst euch von solchem miefigen Kleinkram bloß nicht kirre machen! So mancher mag beim langen Marsch durch die Institutionen nicht weiter als bis zur nächsten Kneipe gekommen sein. Aber das war ja wirklich auch ne ganz schön happige Strecke. „Ich bin dann mal weg“ reicht heute doch auch. Und vielleicht mag der eine oder andere das Motto „make love, not war“ im Laufe der Jahrzehnte im besten schwäbischen Unternehmer-Sinne als „make profit, net wohr?“ interpretiert haben. Aber das sind Marginalien.

Lasst euch heute zum 50. bei euren Treffen am Samstagabend auf der Dachterrasse in der Runde der Oberstudiendirektorinnen und Art Directors von den Miesmachern und Geschichtsleugnern nicht in die Prosecci und den Brunello spucken. Dreht lieber auf dem Webergrill die Knoblauch-Garnelen um, holt das Pastinaken-Ingwer-Süppchen aus dem Thermomix, rückt eure Kaschmir Schals zurecht und erzählt mir nochmals diese Wahnsinns-Geschichten von früher. Von freier Liebe und freien Menschen. Von Woodstock bis Birkenstock. Ihr bleibt meine All-Time-Heroes. Ich liebe euch alle. Echt. 68 for ever!

Markus Herrmann Foto: Ingrid Hertfelder

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