Die Vorstellung – oftmals stärker als die Wirklichkeit

Dem Kältetod entkomen

Dem Kältetod entkommen.

Unsere Heizung fiel mal wieder aus. Logischerweise wie immer im Winter. Aber diesesmal war es nicht das Öl, das ausgegangen war, sondern irgendetwas anderes. Die Heizung sprang aus und Papa Gorlas, der dezent kälteempfindlich ist, sprang alle paar Stunden in den Keller und kämpfte sich durch das rote Lämpchen hindurch das immer aufleuchtet, wenn die Heizung eine Störung hat. Die Heizung sprang dann glücklicherweise immer wieder an, aber unglücklicherweise auch immer wieder aus. Somit war er eine ganze Nacht lang damit beschäftigt, fitnessmäßig auf und ab zu laufen. Mich wundert es bis heute, wie er trotz seines guten Schlafes immer wieder bemerkte, dass die Heizung aus war.

Am nächsten Tag riefen wir den Heizungsmann an, der mit Handwerker Ehre versprach, dass er noch am gleichen Tag kommen wird. Aber wie die allgemeine Erfahrung mit Handwerkern ebenso ist, kann es auch mal passieren, dass sie dann nicht kommen, wenn sie kommen sollten. Obwohl sie sagen, dass sie kommen.

Vater Gorlas rief dann abends nochmal an, ob er sich nicht erbarmen könne doch noch zu kommen, obwohl es schon spät sei. Schließlich stünde die Nacht bevor. Inzwischen sprang der Brenner auch durch das Drücken des roten Knopfes nicht mehr an.
Der Heizungsmann aber hatte einen stressigen Arbeitstag gehabt. Er versprach, gleich am nächsten Tag zu kommen. Vater Gorlas meinte daraufhin, wenn er wegen der Kälte ins Krankenhaus käme, müsse er aber dafür haften.

Wie auch immer, Vater Gorlas bereitete sich auf die harte Nacht vor. Ein Heizungslüfter und eine Heizungsspirale wurden in Vaters Schlafzimmer gebracht. Und man startete die Wärme.

Informativ muss ich noch hinzufügen, dass wir in dieser Nacht 12 Grad Außentemperatur hatten. Man könnte jetzt definitionsmäßig diskutieren, ob die temperierter Zahl eher zum Winter oder noch zum Herbst zählt.

Mein Vater jedoch hatte sich schon im Kopf auf seine Kältenacht festgelegt. Und es kam, wie es kommen musste: mein Vater fror und fror, während meine Mutter schwitzte. Ihrer Aussage nach war es noch nie seitdem wir in diesem Haus wohnen so heiß im Schlafzimmer wie in dieser Nacht. Man bedenke, dass ein Heizlüfter immense Wärme aussenden kann. Und dazu noch die Heizspirale.

Aber mein Vater fror und es war seiner Aussage nach die Hölle. Mutter Gorlas legte noch Tücher auf die Heizspirale und gab ihm diese dann noch. Zusätzlich machte sie auch noch zwei Wärmflaschen. Unter drei Decken war Papa Gorlas begraben. Trotzdem war es schlimm.

Mein Vater quälte sich kältemäßig durch die Nacht. Am nächsten Tag traf ich ihn dann und er sah so aus, als hätte er eine ganze Woche nicht geschlafen. Völlig fertig schlürfte er an seiner Suppe.

Ich fragte, was denn los sei und er erklärte mir die diffuse Situation. Dabei musste er aber selbst lachen, denn natürlich hat die Situation eine Komik besonderer Art. Er hatte alles selbst gemacht.

Die Kälte, die er produziert hatte, hatte sein Kopf gemacht. Obwohl er allerdings schon etwas sensibel ist, was Kälte betrifft. Das muss man schon sagen. So heiß war es aber noch nie im Schlafzimmer, trotzdem hat es nichts gebracht. Denn Vater Gorlas hat ganz bestimmte Bedingungen oder auch Gewohnheiten, damit er zuhause in Ruhe schlafen kann. Diese waren nicht gegeben und er konnte sich somit auch nicht beruhigen.

Die exakten Bedingungen für die Ruhe spielen eine immense Rolle. Und gibt es Abweichungen, so kommt man nicht zur Ruhe oder zum Schönen. Zum „Sicherheitsgewohnten“.

Bei so einer “Kleinigkeit” passiert sehr viel in einem Selbst. Und klar, lacht man drüber, aber die Psychologie, die Einstellung und auch der Umgang mit Veränderungen ist gar nicht so einfach.

Die Kälte gab es auch nicht wirklich, die hat mein Vater durch Ängste und Ritualveränderungen erzeugt. Der Rest übernimmt dann das Gehirn und baut noch die Fantasie aus. Und wie wir wissen, hat die Fantasie eine nicht zu unterschätzende Macht. Ganze Verschwörungsindustrien ernähren sich durch die Fantasie. Aber was viel tragischer ist, es geht einen natürlich dermaßen auf die Nerven, wenn das Hirn Mist zusammenbaut.

Es gab in Amerika einen Vorfall, bei dem ein Arbeiter in der letzten Schicht in einen Kühlwagen eingesperrt worden ist. Er wusste, er wird nicht lange überleben. Man hat ihn dann am nächsten Morgen mit Kältesymptomen vorgefunden. Man hat sogar einen Zettel gefunden, auf dem er die Kältesymptome aufgeschrieben hat, in seinen letzten Stunden. Was er allerdings nicht wusste, ist, dass die Anlage für die Kühlung bei diesem Wagen gar nicht funktioniert hat.

Bei meinem Vater war es ein bisschen anders, er wusste ja, die Heizung ist abgeschaltet und keine andere Wärmequelle kann ihn wärmen. Also war es ihm kalt, egal wie viel Wärme man in das Schlafzimmer hineingepumpt hat.

Zum Glück kam der Heizungsmann am nächsten Tag und reparierte die Heizung. Die nächsten Tage waren wie immer. Er fühlte sich gesund und pudelwohl.

Dimitrios Gorlas

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