EINE ZEITREISE INS MITTELALTER

Auf der Suche nach neuen Erfahrungen begab sich Ralf Ledl 2015 erstmalig auf eine Reise nach Nepal. Tief beeindruckt vom Land, der Kultur und den Menschen setzte sich der IT-Experte aus Neresheim im folgenden Jahr für die Bereitstellung von Computerräumen an Schulen ein und verbrachte ein weiteres halbes Jahr im Himalaya-Staat.

In der Vorbereitung auf mein Sabbatjahr stellte ich mich dem Ziel, alte Denkweisen und Gewohnheiten über Bord zu werfen. Ich suchte nach neuen Herausforderungen, die mich an meine Grenzen bringen und zwingen sollten, einen neuen Blick auf mein Leben zu werfen: ursprünglich wollte ich niemals in ein Land reisen, dessen Sprache ich nicht spreche. Religion interessierte mich nicht. Meditation und Spiritualität waren für mich esoterischer Kram. Warum sollte ich eine Region zur Regenzeit bereisen, wo doch die Sonne woanders scheint? Und genau das war der Punkt: weil ich es noch nie getan hatte! Und so fiel meine Wahl auf Nepal. Für mich eine echte Herausforderung.

Am Himalaya gelegen, besticht Nepal durch seine unbeschreiblichen Naturschönheiten und die atemberaubenden Bergpanoramen. Der biologische Reichtum scheint aufgrund der unterschiedlichen Höhenlagen und Klimazonen des Landes unerschöpflich zu sein. Hinzu kommt die Vielzahl ethnischer Gruppen, welche für eine facettenreiche Kultur und Architektur sorgen. Allein im Tal der Hauptstadt Kathmandu existieren über 7.000 Tempel und Heiligtümer. Nepal zählt als zweitärmstes Land Südasiens zu den 20 ärmsten Ländern der Welt. Etwa ein Viertel der Menschen lebt unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Trotz oder gerade wegen der harten Lebensbedingungen, lassen sich die Nepalesen das Feiern nicht nehmen. Überhaupt spielt Religion eine vorherrschende Rolle und ist aus dem Alltag nicht wegzudenken. Den vielen Feiertagen der Hindus (81%) und Buddhisten (9%) stehen lange Wochen und kurze Wochenenden entgegen, denn einziger Freier Tag der Woche ist Samstag.

Raus aus dem Alltag und rein in eine andere Welt: Als Gast einer nepalesischen Hochzeit mit vorheriger Verlobungs- und anschließender Cocktail-Feier prasselten stroboskopartig neue Eindrücke auf mich ein. Da waren die orientalisch anmutenden Tänze der in roten Gunyou Cholo (Sari/Rock und Bluse) gekleideten Frauen, begleitet von lauter, wie in einer Endlosschleife gefangenen Musik, die auf Trommeln, Zimbeln und hornähnlichen Blasinstrumenten gespielt wurde. Da waren Zeremonien und Rituale, die eine gefühlte Ewigkeit dauerten und schon mal durch das Klingeln eines Smartphones und das darauffolgende Telefonat des Zeremonienleiters unterbrochen werden konnten. Und da waren die Tränen der Braut; Tränen des Abschieds, da sie das Haus ihrer Familie verlassen würde. Obwohl unsere Gastgeber sichtlich bemüht waren, uns alles möglichst detailliert zu erklären, erschien es aussichtslos durchschauen zu wollen, welcher Teil der Hochzeit religiöse und welcher Teil spielerische Hintergründe hatte. Das Gefühl völliger Unkenntnis lies etwas nach, als die Schuhe des Bräutigams entführt und für Bargeld von ihm wieder ausgelöst werden mussten, denn darin ließen sich gewisse Analogien zu einer Brautentführung erkennen. Genug des Feierns, Zeit das Kathmandu-Valley zu erkunden …

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Wie zum Beweis vereint das zum UNESCO Weltkulturerbe gehörende Kathmandu-Tal die von Smog und Staub geplagte Hauptstadt Kathmandu mit der Idylle einer landwirtschaftlich geprägten Region. Durch einen bunten Strauß an Eindrücken, vermittelt durch windschiefe Häuser, fahrende Händler, orientalische Gerüche, wuchtige Ochsengespanne, vielfältige Handwerkskunst, qualmende Ziegeleien, pulsierende Märkte und nicht zuletzt durch freundliche Menschen einer fremden Kultur, entsteht bei Besuchern das Gefühl einer Zeitreise ins Mittelalter. Religion, Mystik und Legende, wie überall in Nepal präsent, verdichten sich in dem 950 Quadratkilometer großen, auf über 1.300 Meter Höhe gelegenen Gebiet. Nicht nur in den drei Königsstädten Kathmandu, Bhaktapur und Lalitpur (Patan) befinden sich unzählige Tempel, Klöster, Schreine und Stupas, sondern auch in kleineren Siedlungen und ländlichen Regionen. Der Stupa ist ein runder, massiver, einem Grabhügel nachempfundener Sakralbau. Besonders anziehend für Pilger und Touristen gleichermaßen sind der Stupa von Swayambhunath, die hinduistische Tempelanlage Pashupatinath und das wohl bedeutendste buddhistische Heiligtum des Kathmandu-Tales, der Stupa von Bodnath. Historische Gebäude, Denkmäler und Plätze zeugen von einer langen und prägenden Vergangenheit. Es wurde nachgewiesen, dass eine erste Besiedelung bereits vor rund 2.300 Jahren stattgefunden haben muss. Das Kathmandu-Tal ist umgeben von beinahe 3.000 Meter hohen Bergen, Ausflüge werden mit gigantischen Ausblicken auf die drei zu Füßen liegenden Königsstädte belohnt. Bei guter Sicht, vor allem im Frühjahr und Herbst, erheben sich im Norden die majestätischen Berge des Himalaya.

Teil meines Plans war es, neue Erfahrungen im Rahmen sozialen Engagements zu sammeln. Meinen Kenntnissen als IT-Fachmann folgend, fand ich eine Möglichkeit zwei auf dem Land gelegene Schulen mit Computern auszustatten und den Unterricht zu gestalten. Nach einer Busfahrt und vierstündigem Fußmarsch in strömendem Regen, durch Bäche und vorbei an zahlreichen Wasserfällen erreichte ich den Ort Gaujini, nur 40 Kilometer nordöstlich von Kathmandu. Trotz Einbruch der Nacht machte ich mich, ausgerüstet mit meiner Stirnlampe, auf den kurzen Weg zum Bach, um mir dort nach den Strapazen eine erfrischende Dusche zu gönnen. Die ohrenbetäubende Lautstärke der Grillen war beeindruckend, wurde jedoch bei Nacht durch den prasselnden Regen auf das Wellblechdach meines Tunnelhauses sogar übertönt. Nach einer mehr oder weniger erholsamen Nacht fanden sich die ersten Schüler erwartungsvoll zum Unterricht ein. Die anfänglichen Berührungsängste wurden durch Neugierde sowie durch Freude am Üben abgelöst. Besonderen Ehrgeiz entwickelten Groß (die Lehrer) und Klein beim Balloon Game: Durch die schnelle und korrekte Eingabe vorgegebener Wörter konnten virtuelle Luftballons zum Platzen gebracht werden. Tags darauf wird ein lautes Klopfen an das Wellblechdach meiner Hütte von hellen Stimmen begleitet, die laut rufen: „Sir, Computer-Class Sir!“. Die Schüler waren mit voller Begeisterung dabei – eine schöne Bestätigung. Die Herausforderung, regelmäßige Stromausfälle mit Spielen und Zaubertricks zu überbrücken, nahm ich sehr gerne an. Eine Kampfansage der anderen Art machten uns Ziegen, die ähnlich hoch motiviert wie die Kids zum Unterricht erschienen, jedoch Geschmack an den leckeren Stromkabeln gefunden hatten. Wir verlegten die Kabel neu und einigten uns auf Unentschieden …

Ab durch die Mitte, oder vielmehr in die geographische Landesmitte, zog es mich durch den Wunsch nach sauberer Luft und grüner Natur. Pokhara, die mit 300.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Nepals 200 Kilometer westlich von Kathmandu gelegen, besticht unter anderem durch ihre reizvolle Lage direkt am zweitgrößten See des Landes, dem 4,4 Quadratkilometer großen Phewa-See. Gegen Norden fällt der Blick auf das dort aufragende Himalaya-Gebirge. Neben den Achttausendern Dhaulagiri, Annapurna und Manaslu wird das Panorama vor allem vom Machapuchhre dominiert, der wegen seiner Doppelspitze auch als Fish-Tail (Fischschwanz) bezeichnet wird. Die touristische Infrastruktur der Stadt lässt keine Wünsche offen. Das Angebot reicht von zahlreichen Restaurants und Bars über Hotels, Pensionen, Diskotheken und Cafés bis hin zu Massage-Salons und zahlreichen Kunst-, Mode-, Sport- und Souvenir-Shops. In Touristenbüros wird ein breit angelegtes Freizeitangebot präsentiert. Die Anbieter versprechen Action und Abenteuer beim Rafting, Paragliding und Trecking. Ruhesuchende kommen ebenfalls auf ihre Kosten; entweder beim Besuch von Museen, Tempeln und Klöstern oder auf einfachen Wanderungen in einer landschaftlich wunderschönen Umgebung. Die südlich der Stadt gelegene Friedenspagode bietet einen grandiosen Rundumblick auf Pokhara, den Phewa-See und das Annapurna-Massiv. Besonders eindrucksvoll präsentiert sich das Gebirge bei Sonnenaufgang vom nördlich des Sees gelegenen, 1.600 Meter hohen Hausberg Sarangkot. Neben dieser Vielfalt wartet Pokhara mit Wasserfällen und Höhlen auf, die zum Teil direkt von der Stadt aus zugänglich sind.

Meinem Wunsch entsprechend, die eigenen Grenzen auszuloten, begab ich mich auf den Weg in das Dhamma Pokhara Meditation Center, um die Vipassana Meditation zu erlernen. Dabei handelt es sich um die von Buddha vor 2.500 Jahren entwickelte Methode, durch die er zu seiner Erleuchtung gefunden haben soll. Für die Teilnehmer gelten während des 10-tägigen Retreat einige Bedingungen: Ich darf nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, keinen Sex haben und keine Drogen konsumieren. Über die gesamte Zeit hinweg herrscht „Noble Silence“, was so viel bedeutet, dass jegliche Art der Kommunikation zu unterlassen ist. Kein Reden, keine Gestik, keine Mimik – gar nichts. Nach festem Tagesablauf wurden wir in die Vipassana Meditation eingeführt, geprägt vor allem durch ein- bis zweistündige Meditationssitzungen. Das Ziel von Vipassana ist es, die rosarote Brille abzulegen und die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind: neutral, zentriert und gleichmütig. Zugrunde liegt die Theorie, dass unser Handeln auf vier Bewusstseinsebenen beruht: Zuerst wird etwas wahrgenommen, also beispielsweise gesehen oder gehört. Zweitens findet automatisch und unterbewusst eine Bewertung statt. Man entwickelt eine Aversion dagegen oder man will mehr davon haben. Drittens entsteht eine physische Reaktion des Körpers, die per Meditation erkennbaren „Sensations“ setzen ein. Zuletzt erfolgt eine Handlung. Handlungen sind demzufolge getrieben von Aversionen und von Sehnsüchten, also unserer unterbewussten rosaroten Brille. Gelingt es, die so genannten „Sensations“ zu erkennen und neutral, mit Gelassenheit und wertfrei zu beobachten, so kann auf Basis dieser persönlichen, körperlichen Erfahrung die Wahrheit erkannt und der Blick für die Wirklichkeit entstehen. Good bye, rosarote Brille!

Die nächste Grenzerfahrung wartete in der Annapurna-Region auf mich. Die Umrundung des gleichnamigen Gebirgsmassives gilt nicht zuletzt aufgrund des abwechslungsreichen Verlaufs durch sämtliche Klimazonen, als eine der schönsten Trekkingtouren weltweit. Den Wanderer begleiten tiefgrüne Terrassenfelder und dichter Dschungel, in dessen Bäumen sich Affen tummeln. Im weiteren Verlauf wechseln sich Wiesen, Steppen, Laubwälder, Marihuana-Felder, Bäche, Flüsse, Wasserfälle, Schluchten, Hängebrücken, Gletscher, Gletscherseen, Berggipfel, Lawinenhänge und kahle Felslandschaften ab. Diese Vielfalt wird ergänzt durch den kulturellen Mix unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und tibetanisch geprägter Klöster. Die Wanderung beginnt in Besisahar auf 780 Metern Höhe und steigt stetig an bis zu ihrem Highlight und höchsten Punkt, der Überquerung des 5.416 Meter hohen Thorung La Pass. Doch damit nicht genug der Eindrücke und Superlative: Vom Pass steigt man ab in die 5.600 Meter tiefe Kali-Gandaki-Schlucht, die tiefste Schlucht der Erde. Der Trek beansprucht je nach Ausprägung 18-21 herausfordernde Tage. Und jeder einzelne ist es wert, versprochen.

Jeder weitere Besuch in Nepal lässt mich erstaunen. Ich bin sprachlos über die Menschen und ihre Geschichten, ihren Mut und ihre Lebensfreude. Sie öffnen mir jedes Mal wieder die Augen dafür, was Gesundheit, Glück und Zufriedenheit ausmacht. Und dass es mehrere Wege gibt, Glück zu finden. Um diese Erlebnisse mit anderen Menschen zu teilen, habe ich im April 2018 einen Bildband mit dem Titel „Perspektiven aus Nepal“ veröffentlicht (www.perspektiven-aus-nepal.de / ISBN 978-3-96111-365-1 / 34,90 €). Nepalesische Freunde berichten darin hautnah über ihren Alltag, ihre Kultur und Bräuche und das damit einhergehende Lebensverständnis. Diese Geschichten werden ergänzt durch Bilder, welche innerhalb von vier Nepalreisen entstanden sind. Neben der finanziellen Unterstützung der sozialen Projekte durch den Buchverkauf (www.menschen-im-dialog.de/projekte) möchte ich damit vor allem eines erreichen: Die nepalesische Kultur greifbar, nachvollziehbar und authentisch zu vermitteln und dadurch Verständnis schaffen für mehr Toleranz und Akzeptanz unterschiedlicher Lebensweisen. Denn obwohl die Kulturen, Bräuche und Lebensweisen unterschiedlicher nicht sein könnten, so haben wir doch alle das gleiche Ziel vor Augen: Leben, so gut es geht.

Vorträge: 10. Oktober – Crailsheim (städtische Volkshochschule) | 11. Oktober – Schwäbisch Gmünd (Gmünder VHS) | 24. Oktober – Ulm (Ulmer Volkshochschule) | 25. Oktober – Neresheim (Bücher Scherer) | Alle Termine: www.perspektiven-aus-nepal.de/termine

Text & Fotos: Ralf Ledl

 

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Leben & Freizeit

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