DANKE USCHI!

Gastautor: Markus Herrmann

„Zauberhaft!“ Meine Bekannte (nennen wir sie der Einfachheit halber hier mal Uschi) kommt ins Schwärmen: „ZA-UB-ERHAFT!“ Die kleinen Städtchen im Piemont und in der Toskana sind ja auch wirklich pittoresk. Und dann die tolle Atmosphäre. Diese Italiener! Mein lieber Schwan können die Feiern. So ist sie halt, die mediterrane Seele. Immer dolce vita. Und immer bel canto. Singen, das Leben genießen, einfach mal die Sorgen Sorgen sein lassen. Bis weit in die Nacht hinein sei man vor der kleinen Osteria auf der Piazza del Mercato gesessen und habe bei Gnocchi burro salvia und einigen Fläschen Dolcetto die deutsche Schwermut hinter sich gelassen: Uschi, ihr neuer Lebenspartner und Manfred und Liese, das Ehepaar, das die beiden auf dem Wohnmobilstellplatz in – sagen wir mal – Rosignano Marittimo kennengelernt haben. Gemeinsam mit den anderen deutschen Touristen und den italienischen Gästen wurde gefeiert und gesungen – mal „avanti popolo“ und „azzuro“, mal „Atemlos“ und „Westerland“. Europäische Verbrüderung bis tief in die Nacht. Ach, wie schön ist es doch, mal jenseits des deutschen Bürokratie- und Regelungswahns einfach fünfe gerade sein zu lassen. Wir Deutschen könnten halt einfach nicht das Leben genießen.

Zugegeben: Ich bin ziemlich verblüfft. Uschi hat nämlich bei sich zu Hause gerade gegen ein Innenstadt-Lokal geklagt, weil nach 22 Uhr im Sommer noch einige Gäste draußen bei einem Bier geplaudert haben. Vielleicht auch bei zwei Bier. Unverschämt,findet Uschi. Sie müsse am nächsten Morgen schließlich früh raus, um für Lars-Peter und Annigret-Dunja das Pausenbrot zu richten. Kein Auge könne sie und ihre Familie bei diesem Lärm zumachen. Das verstehe ich. Aber es beschleicht mich auch das Gefühl, dass ich den Ärger der Mütter und Väter rund um Rosignano Marittimo nachvollziehen könnte, die in der Frühe das Salamibrot für Alessandro und Giulia schmieren und in der Nacht zuvor Helene Fischers „Atemlos“ in einer süddeutschen Gymnasiallehrer-Touristenadaption ertragen müssen. Dass Paolo Contes „via con me“ von Manfred danach fast mit Original-Timbre in der Stimme als Zugabe vorgetragen wird, trägt aus meiner Sicht dabei nur unwesentlich zur Entspannung der Situation bei.

DAS sei ja nun aber etwas völlig anderes, klärt mich Uschi auf. WAS dabei anders ist, bleibt mir freilich unerschlossen. Aber dies mag an mir liegen. Uschi und ihr Lebenspartner haben seit neuestem auch das Thema Mikroklima entdeckt. Und die Kaltluftzonen. Was das Pärchen bislang eher unter „Extras“ in der Sonderausstattungsliste ihres Stadt-SUV verbucht hat, steht nun im Mittelpunkt des Kampfs gegen ein Mehrfamilienhaus in der Nachbarschaft. Uschi hatte ihr kleines Häuschen im Wohngebiet am Rande der Stadt vor fünf Jahren erworben; die Kleinen sollten ja nicht im Lärm und Dreck der Innenstadt aufwachsen müssen. „TRAUMHAFT!“ Hier direkt am Waldrand hat man doch noch Lebensqualität. Freilich nur alleine. Vor „Zersiedelung und Versiegelung unserer Natur und Umwelt“, mahnt nun eine kleine, aber vor allem in facebook und twitter rührige Anwohnerinitiative, die Uschi und ihr Partner gegen das Mehrfamilienhaus auf den Weg gebracht hat. Um das eigene Interesse geht es selbstverständlich nicht. Gerade für unsere Kinder müssen wir doch eine intakte Welt erhalten – wir haben die Erde ja schließlich nur von unseren Kindern und Enkelkindern geliehen. Nachhaltigkeit geht vor Gewinndenken! Diese Erkenntnis hat Uschi zumindest von ihrem jüngsten zweiwöchigen Yoga-Aufenthalt von Bali mitgebracht. Meine Nachfrage, ob sie den Öko-Trip in einem Flechtboot von Thor Heyerdahl bewältigt oder doch den Tomatensaft in einem Airbus A 320 der Singapore Airlines vorgezogen hat, blieb offen. Freilich: Nächstes Jahr sind bei Uschi Flüge sowieso gestrichen. Die beiden gehen auf Mittelmeer-Kreuzfahrt. „SO romantisch“. Und man muss schließlich nicht immer so weit weg. Auch in den europäischen Hafenstädten kann man schließlich seinen Horizont erweitern. Nachhaltig. Sagt Uschi. Überhaupt: Immerhin habe sie ja bei der Hotelbuchung für den Ski-Urlaub mit den kleinen Rackern in den Alpen darauf geachtet, dass das Vier-Sterne-Hotel keinen Raubbau an unserer Natur und dem Klima betreibt. Zum Frühstück gibt es die Marmelade beispielsweise in kleinen, gebackenen Stärke-Töpfchen, die man mitessen könnte. Da bin ich dann schließlich beruhigt. Wie schön, dass es Menschen gibt, denen das Allgemeinwohl und unsere Zukunft doch mehr bedeuten, als Egoismus und Eigeninteresse. Menschen wie Uschi. Danke.

Fotografin: Ingrid Hertfelder

 

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