Integration mal anders

Für Bedürftige - Flüchlinge machen gespendete Fahrräder wieder straßentauglich
Mark Wamsler (links), Klassenlehrer der Vinzentius-Schule und Werkstattleiter Reinhold Sawatzki.

Es ist Freitagvormittag und es herrscht reger Betrieb in der kleinen Fahrrad-Werkstatt mitten im Herzen Donzdorfs. Werkstattleiter Reinhold Sawatzki erklärt zwei Schülern der Vinzentius-Schule den Aufbau und die Montage einer Scheibenbremse. Mitten im Getummel: Muhamed Al Bayati. Er ist einer der Flüchtlinge aus dem Nordirak. Zur Zeit leben ungefähr 160 Flüchtlinge in Donzdorf. Ihnen eine Aufgabe zu übertragen, dass war die Idee. Die Stadt kaufte eine alte Immobilie an der Hauptstraße, die Nummer 93 und der erste Impuls nahm langsam Formen an.

„Die Fahrradfüchse“ sind ein im Jahr 2016 entstandener Ableger des Stadtseniorenrates, des Arbeitskreises Asyl sowie der Stadt Donzdorf.  Mit dem Ziel die Mobilität der Flüchtlinge und der Asylbewerber in Donzdorf zu verbessern. Dabei arbeiten Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer zusammen, um gespendete Fahrräder wieder straßentauglich zu machen und an Bedürftige weiterzuleiten. Die Fahrräder werden gespendet und zwar von den Bürgern der Stadt Donzdorf und natürlich auch aus den umliegenden Gemeinden. 150 Fahrräder wurden bis heute repariert und weitergegeben. Sie werden zu einen niedrigen Preis verkauft. Manch ein Fahrrad gibt es schon für 10 Euro, je nach Beschaffenheit und Qualität. Jedes der Fahrräder bekommt einen Fahrradpass, wird somit registriert und gekennzeichnet, so kann man sie leichter wieder finden im Falle eines Diebstahls.

„Ankommen könnte so einfach sein, wenn jeder bereit wäre sich ein bisschen zu öffnen und dem anderen entgegen zu kommen.“

Vom Erlös wird das Werkzeug für die Werkstatt finanziert oder aber Ersatzteile beschafft. Manchmal bekommt die der Arbeitskreis auch kostenlos, meist aber vergünstigt. Ein örtlicher Fahrradhändler unterstützt diese Aktion tatkräftig. „Dafür sind wir Fredi’s Radshop sehr dankbar“, sagt Sawatzki. Wenn dann noch Geld in der Kasse ist, werden Getränke gekauft. Schließlich haben die fleißigen Helfer auch mal Durst. Auch Ausflüge werden organisiert. Im Juli wird es wieder eine Fahrradausfahrt geben. „Die Flüchtlinge können so die Gegend kennenlernen und werden sicherer im Straßenverkehr.“ Auch Grillabende werden organisiert. Gefeiert wird dann im kleinen Garten hinter der Hauptstraße 93. Instrumente werden ausgepackt, es wird gesungen und gelacht. „Ankommen könnte so einfach sein, wenn jeder bereit wäre sich ein bisschen zu öffnen und dem anderen entgegen zu kommen“, betont Sawatzki. Doch dem Leiter der kleinen Werkstatt geht es um viel mehr. Während die Flüchtlinge ihm zur Hand gehen, sich in durch die Reparatur der Fahrräder einbringen, lernen sie auch verbindlich zu sein. Absprachen zu halten, pünktlich zu sein – all das wolle er ihnen auch beibringen. Das sei am Anfang gar nicht so einfach gewesen. Immer noch müsse er sich behaupten. Die Mentalität sei eine andere. Wichtig sei es, klare Grenzen zu ziehen.

Reinhold Sawatzki wird in wenigen Monaten in den Ruhestand gehen. Das Projekt „Fahrradfüchse“ kam ihm da gerade gelegen. Er wollte etwas Gutes tun, der Gesellschaft etwas zurückgeben. Das er direkt gegenüber der kleinen Werkstatt wohnt sei für ihn sehr praktisch. Arbeit falle sehr viel an. Denn auch wenn die Werkstatt nur an zwei Wochentagen geöffnet hat, bleibt noch die andere Arbeit. Da sei jede Menge „Schriftkram“ und vieles mehr zu erledigen. Sawatzki kommt aus der Werbung und dem Vertrieb, das Organisieren und strukturiertes Arbeiten falle ihm leicht. Zwei Jahre wolle er dieses Projekt noch leiten, dann würde er die Leitung gern an einen Nachfolger übergeben.

Die Gelder für das Projekt verwaltet die Kolpingfamilie. Unterstützung erhält das Projekt auch von den Rotariern und der NWZ mit der Spendenaktion „Gute Taten“.

Unterstützt wird Reinhold Sawatzki auch von Mark Wamsler. Der Klassenlehrer der Vinzentius-Schule besucht die Werkstatt mit seinen Schülern im Rahmen des Sozialprojektes „Fahrradfüchse“ wöchentlich.

Mark Wamsler, der Dritte von links mit zwei seinen Schülern.

Ziel dieser ebenso spannenden wie nachhaltigen Kooperation zwischen den Fahrradfüchsen und der Vinzentius-Schule Donzdorf sei es, so Wamsler, neben dem Vermitteln von technischen Fertigkeiten auch die Stärkung und Entwicklung von Sozialkompetenzen der Schüler. Neben Reinhold Sawatzki arbeiten die Schüler auch zusammen Flüchtlingen, wie eben dem aus dem Irak stammenden Muhammed Al Bayati an den Fahrrädern und lernen so nicht nur andere Sprachen und Kulturen, sondernd die auch teils bewegenden Lebensgeschichten der Flüchtlinge kennen. Mark Wamsler versteht es als gute Chance für die Jugendlichen sich besser für den Beruf vorzubereiten, das soziale Engagement dabei komme der Entwicklung der Jugendlichen auch zu Gute.

Kritik aus der Bevölkerung wird selten laut. Auf Pauschalisierungen wie: „Die kriegen doch alles!“ Antwortet Reinhold Sawatzki ganz gelassen: „Komm mit und sieh dir an was sie wirklich haben und wie sie hier leben.“

Text: Susanne Rötter // Fotos: Thomas Zehnder

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