SPIEL der STRUKTUREN

Organi Die Foto-Grafik-Art von Hubert Minsch

Text: Dr. Christian Liederer

Der Philosoph Edmund Husserl beschäftigte sich mit der Wahrnehmung des Menschen in einer unerhörten Tiefenschärfe. Insbesondere widmete er sich dem Bewusstsein und seiner formgebenden Schöpferkraft, die aus Sinneseindrücken erst die Gegenstände unserer Wirklichkeit schafft. Unser Geist gibt den Dingen ihre Form, insbesondere indem er auf Erfahrungen zurückgreift. Jeden Sinneseindruck beziehen wir auf zuvor Erlebtes. Die Werke des Künstlers Hubert Minsch spielen genau damit – zumindest einige seiner Arbeiten, zum Beispiel die Foto-Grafik-Art-Werke der Reihe koobook oder HUMAJOMI. Wir erahnen konkrete Gegenstände, Formen, Pflanzen, Organisches, Holz- und Felsformen, die uns bekannt vorkommen, doch werden sie durch die Hand des Künstlers fragmentiert, bearbeitet, gespiegelt, von anderen Erscheinungen überlagert oder in neue optische Bezüge gesetzt, sodass der Denkapparat angestachelt und gefordert wird, während die Ästhetik der Impressionen bereits auf einer tieferen emotionalen Ebene zum Betrachter spricht.

Foto-Grafik-Art
Der Mensch hinter diesen Werken, Hubert Minsch, ist inzwischen freischaffender Künstler und lebt in Schwäbisch Gmünd. „Ursprünglich stamme ich aus Wasseralfingen. Früh schon begeisterte ich mich für Fotografie und absolvierte als junger Mann eine Fotografenlehre in Aalen, anschließend studierte ich an der Fachhochschule Würzburg Grafikdesign. Nach einigen Berufsjahren eröffnete ich mein eigenes Designbüro“, umreißt Hubert Minsch seine Vita. Der Künstler, der im vergangenen Jahr seinen 70. Geburtstag feierte, arbeitete beruflich unter anderem für Kunden der Modebranche, für Schmuckdesigner, Galvanotechnik, Maschinenbau und verschiedene Kultureinrichtungen.
Heute mache ich vor allem das, was mir Spaß macht“ – und das ist speziell die künstlerische Tätigkeit. „Derzeit faszinieren mich die auf den ersten Blick unscheinbaren, nebensächlichen Dinge und Gegenstände des Alltags, die ich künstlerisch verwerte. Hier und schon zuvor beschäftige ich mich insbesondere mit dem Thema der Spiegelung und Addition von Strukturen. Eine Fotografie dient in der Regel als Vorzeichnung, die ich digital übermale. Dadurch entstehen komplett neue Bildwelten, die den Bezug zum ursprünglichen Foto nur noch erahnen lassen. Teilweise baue ich noch typografische Elemente ein, die den Bildern zusätzlich eine neue Realität geben.“ Die optische Spiegelung wiederum spiegelt sich im spiegelbildlichen Namen der Reihe wieder – im Palindrom koobook. Foto und grafische Bearbeitung lassen so Kunst entstehen – kurz: Foto-Grafik-Art.

„Auf das Auge für Motive kommt es an“
„Meine erste Kamera bekam ich mit zwölf Jahren, eine Agfa Silette. Mein Vater war ein begeisterter Hobbyfotograf mit eigenem SW-Labor. Die Ausstattung, die er sich weiterhin zulegte, benutze ich mit. Es war klar, dass ich meine Filme selber entwickelte und Abzüge herstellte. Damals wurde ich auf das quadratische Format programmiert, das sich bis heute durch meine Bildsprache zieht“, erklärt Hubert Minsch. Obwohl er mit klassischen Spiegelreflexapparaten begann, ist er alles andere als ein Verfechter der analogen Fotografie. „Für mich ist ein Fotoapparat ein funktionales Arbeitsmittel. Die beste Kamera nützt nichts, wenn der Mensch am Auslöser nicht begabt ist. Auf das Auge für Motive kommt es an. Dadurch entstehen gute Bilder. Die Digitalisierung brachte im Grunde nur Vorteile und vereinfachte viele Prozesse massiv.“ Photoshop ist für Minsch neben der Kamera das wichtigste Tool, wobei er mit Standardeffekten kaum arbeitet. Vielmehr setzt er auf die Möglichkeiten für sein Spiel mit Strukturen, die er in Bilder einarbeitet. Insbesondere die Reihe HUMAJOMI – ein Akronym für Hubert Matthias Josef Minsch, den vollständigen Namen des Künstlers – lebt vom Einbau unerwarteter Strukturen in konkrete Bilder. Hier werden beispielsweise Frauenhaare von Schnüren und Stricken oder zweidimensionalen Ornamenten überlagert.

Kaleidoskop Kuba
Neben dem Spiel mit Strukturen ist das Arrangement ein spezifisches Stilmittel Minschs. In seiner Kuba-Serie zeigt es sich in Form von farblich oder thematisch arrangierten Motiven, die wie ein Kaleidoskop vielfältige Facetten des Landes präsentieren. „Die Bilder entstanden während vier Fotoshootings für die Firma Pelo Mens Fashion in Kuba 1999 und 2000. Da ich nur für das Konzept und die Fotoregie zuständig war, bot sich mir ausreichend Gelegenheit zu freien Fotos mit der Digitalkamera. Es sind ca. 4000 Bilder im Archiv, die ich im Photoshop nach Farben oder Motiven zu Bildreihen zusammenstellte. Durch die Addition mehrerer Motive erhöht sich die Dramaturgie der teilweise banalen Einzelbilder. Es entsteht eine neue Geschichte“, so der Künstler. Nach diesem Prinzip hat Hubert Minsch auch Arrangements rund um den Kuba-typischen Chevrolet komponiert. „Seit der Revolution vor rund 60 Jahren haben die Chevrolets, Oldsmobiles und viele vergessene Marken in der kubanischen Mangelwirtschaft mehr oder weniger überlebt. Viele sind schon verschwunden, wenige sind noch fahrbereit, einige sind als Vorzeigeobjekte mühevoll restauriert worden. Die Bilder zeigen eine untergehende Automobilkultur, die für den Charme und das Klischee Kubas eine wichtige Rolle spielt.“

SEQU3NZEN als Trialog
Nach der Kuba-Serie beschäftigte sich Hubert Minsch mit Dreier-Sequenzen. „Das Faszinierende daran ist der Trialog von Farben, Formen und Strukturen.“ Nach dem Schema des klassischen Triptychons räumt er bei den jeweils drei arrangierten Bildern der Reihe dem mittleren die Priorität ein. Auch hier ist es der Gestalteffekt, durch den die Bilder als Summe auf eine höhere ästhetische Stufe gehoben werden, als sie einzeln erreichen könnten. Durch die Anordnung als Triptychon entstehen neue Perspektiven und Kontexte, die mal Harmonie, mal Spannung evozieren.

„Eine Zeit Lang“
Vor zehn Jahren eröffnete Minsch eine Fotogalerie im Mühlbergle in Schwäbisch Gmünd. Die Eröffnungsausstellung „Eine Zeit Lang“, die Gmünder Stadtansichten im Wandel beschreibt, gehört zu seinen bekannteren Projekten. Zur Ausstellung ist ein Buch im Einhorn-Verlag erschienen, das historische Aufnahmen von Schwäbisch Gmünd aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aktuellen von Hubert Minsch gegenüberstellt. Es entstanden faszinierende Zeitsprünge, die den Prozess der Stadtentwicklung plastisch vor Augen führen. „Zwischen 1914 und 1944, in der schweren Zeit zweier Weltkriege, fotografierte Karl-Otto Lang mit seiner Plattenkamera und später mit der ersten Leica Szenen in und um Schwäbisch Gmünd. Er hat Dokumente geschaffen, die uns heute im Dialog mit den aktuellen Fotos interessante Einblicke in die Entwicklung unserer Stadt geben“, sagt Minsch und fügt hinzu: „Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn man 60 oder 80 Jahre später mit einer Digitalkamera den Standort der alten Fotos sucht und dann genau weiß, hier hat er sein Holzstativ aufgebaut, seine Kamera eingerichtet, das schwarze Tuch über den Kopf geschoben und dann die Kassette mit der Glasplatte eingelegt – gewartet bis die Menschen im oder aus dem Bild waren und dann das kurze Klick des Verschlusses …“

Von der Gabel bis zur Spitzmaschine
Die Vielseitigkeit Hubert Minschs und sein Interesse am Historischen zeigen sich nicht nur in den unterschiedlichen Formen seiner künstlerischen Tätigkeit, sondern auch in seiner Sammlerleidenschaft. Neben Gabeln aus verschiedenen Jahrhunderten hortet Hubert Minsch auch Bleistiftspitzmaschinen, die unterschiedlichen Epochen entstammen. Und obgleich er seine alten Kameras fast vollständig verkauft oder verschenkt hat, bewahrt er zumindest noch eine „antike“ analoge Spiegelreflexkamera bei sich auf. Ein wenig Nostalgie gestattet sich der innovative Künstler dann doch.

Porträt fotografiert von Michael Ankenbrand.

Fotograf: Hubert Minsch (Sie finden mehr Bilder von Hubert Minsch in der Printausgabe Nummer 60)

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