DAS INNERE LEUCHTEN

"Es ist schön zu leben, weil leben anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.“ Cesare Pavese

Wachkoma-Station. Was für ein seltsames Wort. Wach und Koma. In der Welt sein – und außer ihr. Teilnahme und Teilnahmslosigkeit. Bewusstsein und Bewusstlosigkeit. Leben und Tod. Untot. Zwischenstation? Endstation? Ein Paradoxon, dieses Wort. Es erschreckt uns, irritiert uns, macht uns ratlos. Weil es uns auf uns selbst zurückwirft. Weil es uns unsere ganz persönliche Seinsfrage stellt. Wozu leben wir? Was ist der Sinn des Lebens? Fragen, denen wir allzu gerne aus dem Weg gehen.

In seinem Buch „Der Sinn des Lebens“ erwähnt der Professor für englische Literatur, Terry Eagleton, die Überzeugung des Philosophen Martin Heidegger, der Mensch unterscheide sich von anderen Lebewesen durch die Fähigkeit, sein eigenes Dasein in Frage zu stellen. Aber wer macht das schon gerne. Wo man sich doch ein ganz ordentliches So-Sein erarbeitet – oder zurechtgelegt – hat.

Ein Besuch in dieser „Station“ stellt unweigerlich das eigene So-Sein in Frage. Befinden wir uns auf einer nach beiden Richtungen offenen Zwischenstation – oder auf einer Endstation? Bitte alle aussteigen. Doch weil wir nicht in der Straßenbahn sitzen, sagt niemand bitte. Unerbittlich öffnet sich die Tür, final. Wohin? Diese Frage muss jeder Mensch für sich selbst beantworten. Vorbei kommt man daran nicht. Ein Besuch in dieser „Station“ kann uns indes auch helfen. Es gehört allerdings Mut dazu. Lebensmut. Der Fotograf Harald Habermann gibt uns mit seinen Bildern einen Türöffner an die Hand. Sie öffnen unseren Blick, unser Empfinden, unser Herz, unseren Verstand – unsere Bereitschaft vorausgesetzt, uns selbst zu öffnen. Hinter der Eingangspforte ist die Selbstlosigkeit das Maß aller Dinge. In ihr manifestiert sich die agapē, das Gebot der Nächstenliebe. Sie ist nicht religiös konnotiert, sondern Voraussetzung, in Würde zu leben – und zu sterben. Der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm stellt dazu in seinem Klassiker „Haben oder Sein“ fest: „Die Bereitschaft zu schenken manifestiert sich in jedem, der wirklich liebt.“ Harald Habermanns Bilder sind tief berührende Dokumente dieser Bereitschaft.

Der Fotograf hat mir von seinen Fahrten nach Bopfingen in die Wachkoma-Staion erzählt. Und den Fragen, die er sich gestellt hat. Geht das überhaupt? Kann ich mit meinen fotografischen Mitteln den Menschen hier überhaupt auch nur annähernd in ihrem So-Sein gerecht werden? Den Patientinnen und Patienten und denen, die sie so liebevoll pflegen? Der Schlüssel, warum er dieses Wagnis dann doch eingegangen ist, liegt vermutlich gerade in der Erfahrung dieser herzlichen Zuwendung durch die pflegenden Hände. Er hat diese positive Atmosphäre als inneres Leuchten gespürt. Wo Licht ist, steht der Fotograf nicht auf verlorenem Posten. Ein Lichtbildner von der Qualität Habermanns ohnehin nicht.

Also hat er sich auf die Spurensuche nach dem Licht gemacht. Nach dem Licht, das von innen strahlt und zugleich das Draußen reflektiert. Keine leichte Aufgabe. Manchmal ist er abends unverrichteter Dinge wieder nach Hause gefahren. Kein Licht, nirgendwo. Kein Licht war ihm aufgegangen, keine Idee. Statt Bildern auf dem Chip der Kamera Ratlosigkeit im Kopf. Wer jedoch an diesem Ort aufgibt, sich der Hoffnungslosigkeit hingibt, hat schon verloren. Das Prinzip Hoffnung, das der große Tübinger Philosoph Ernst Bloch beschrieben hat, ist hier die oberste Maxime. Alles andere ist – bitte sehen Sie mir das Pathos nach – alles andere ist Verrat an den Patienten und deren Angehörigen, die Kraft aus der Hoffnung schöpfen. Mit dieser in vielen Stunden in der Wachkoma-Station gewonnenen Erkenntnis ist er am nächsten Tag wieder losgefahren. Auf der Suche nach dem Licht.

Manchmal, ganz unvermittelt, streckt einem das Glück die Hand entgegen. Der glückliche Zufall. In einer Vollmondnacht will Habermann einen der mit dem apallischen Syndrom – wie das Wachkoma auch genannt wird – darnieder liegenden Menschen nur mit Hilfe des Mondlichtes fotografieren. Doch der Erdtrabant reflektiert nicht genug Sonnenlicht ins Zimmer. Was tun? Dann bringen wir den Mann doch einfach ins Freie, schlägt der begleitende Nachtdienstler ganz pragmatisch vor. Und schiebt das Bett mit dem Mann hinaus in die laue Sommernacht. Und gleich noch ein paar andere dazu. Hinaus in die von Blumen, Kräutern, dem Duft der Bäume gewürzte Luft. Hinaus in die Natur. Jetzt verbünden sich Glück und Können zur Kunst des Fotografen. In diesem Fall ist es der entscheidende Blick. Der den Reflex des Mondlichts auf der Pupille des halb geöffneten Auges wahrnimmt. Diesen Moment, in dem das Auge nicht mehr blicklos wirkt. Ein wenig Licht genügt, um uns diesen Menschen mit dem stark geschädigten Gehirn ganz nahe zu bringen. Wir wissen zwar nach wie vor nicht, ob und was in diesem Kopf vorgeht – aber dieses Leuchten macht ihn ganz lebendig, dieses Licht der Hoffnung, des Lebens. Es schenkt ihm und damit uns den Moment einer schwer zu beschreibenden tief berührenden, kreatürlichen Erhabenheit. Ein wenig erinnert mich diese Aufnahme an die dunklen Porträts der alten holländischen Meister, in denen das Licht eine entscheidende, weil erhellende Rolle spielt.

Die Lichtbilder in diesem Buch zeigen ungeschminkte Wahrheiten – das alltägliche Leben auf der Wachkoma-Station. Und weil sie es mit größter Anteilnahme tun, sind sie wahrhaftig. Sie sprechen für sich. Niemand muss auf die Freude und das Leid, die Zuwendung und den Widerstand, auf tiefe Überzeugung und aufkeimende Ratlosigkeit, auf die fröhlichen Momente und jene der Trauer – und auf die nachdenkliche Gelassenheit der Wenigen extra hinweisen, die ihr Bewusstsein wiederlangt haben. Das von mir oben beschriebene Bild transportiert die darin zum Ausdruck kommende kreatürliche Erhabenheit weiter, wenn der Lichtfunke auf der Pupille schon längst erloschen ist. Warum soll man diesen LichtBlick nicht als Zeichen der Dankbarkeit interpretieren für die Zuwendung, die diesen Menschen zuteil wird? Ziemlich sicher ohne Bewusstsein, ohne die Fähigkeit zur Kommunikation, sind sie hilflos – und nur in diesem Sinne ausgeliefert. Wie ein Baby, das auf vertrauensvolle Fürsorge und zärtliche Zuwendung angewiesen ist. Mit dem Unterschied, dass jenes mit seinem Lachen, Weinen und zufriedenen Glucksen etwas von dem zurückgeben kann, was es an Wohltat erfahren hat. Wie das Mobile über dem Wickeltisch, lockt auch über dem Patienten in seinem Bett ein buntes Spielzeug band. Auf seine emotionalen Antworten müssen die Pflegerinnen und Pfleger und die Angehörigen, die ebenfalls auf einigen Bildern erscheinen, verzichten – mit der Hoffnung im Herzen und einem Optimismus, der sich nicht unterkriegen lässt. Umso mehr Anerkennung verdient ihr Handeln. Beispielhaft dafür die gebrochene Poesie der Serie, in der die Pflegerin einer älteren Dame eine Rose reicht. Oder das Bemühen des Klinik-Clowns „LaPique“, die Patienten aufzuheitern. Wie mag es in ihm aussehen? Er weiß doch, dass er gar nicht wahrgenommen wird. Tatsächlich weiß „LaPique“ viel mehr – weil sein Kompagnon die Hoffnung ist.

Giovanni Malo, Medizinethiker an der Universität Freiburg, hat dieser Tage im Hinblick auf die zunehmende Ökonomisierung im deutschen Gesundheitswesen mahnend festgestellt: „Die Frage nach dem Sinnvollen wird ersetzt durch die nach dem Ertragreichen.“ Diese Wachkoma-Station lohnt sich unter ökonomischen Gesichtspunkten natürlich nicht, obwohl ihre Pflegerinnen und Pfleger systembedingt bei weitem nicht angemessen bezahlt werden. Sie ist jedoch unverzichtbar, weil hier der Mensch in seiner Einmaligkeit geachtet wird. Zugleich ist sie ein wichtiges Bekenntnis zu einer humanen Gesellschaft. Ich will jetzt nicht ethische Fragen vertiefend behandeln, wohl aber auf einige moderne Aspekte von Immanuel Kants „kategorischem Imperativ“ hinweisen. Der Philosoph Hans Jonas formuliert in der Nachfolge Immanuel Kants in seinem „Prinzip Verantwortung“, in welchem er den „Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ unternimmt, einen kategorischen Imperativ bezüglich der Verantwortung für zukünftige Generationen: „‚Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz und der Integrität echten menschlichen Lebens auf Erden‘; oder negativ ausgedrückt: ‚Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens“. Theodor Adorno wiederum hat sich in seiner Lesart des kategorischen Imperativs in seiner Schrift „Negative Dialektik“ auf ein ganz konkretes Ereignis bezogen: „Hitler hat dem Menschen im Stande seiner Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: Ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“

Humanismus im Zeichen der Aufklärung ist kein Selbstläufer. Das müssen wir jeden Tag erleben, in rechtspopulistischen Bewegungen und autokratischen Regimen. Nicht zuletzt auch in der alltäglichen Nachrichten- und Bilderflut mit ihren grausigen Dokumenten zynischer Menschenverachtung aus den Krisengebieten dieser Welt. Insofern dürfen, ja müssen wir Habermanns leise Bilder als einen dringenden Appell verstehen, die Würde des Menschen zu achten. Fotografieren sei für ihn wie Meditation, erklärt der Fotograf. Meditation ist, ganz verkürzt, der Versuch, über die Stille, über die Konzentration, über die Ausschaltung des ablenkenden Denkens zu sich selbst zu finden. Damit erklärt sich auch seine Aussage, dass sich in jedem Porträt auch der Porträtierende wiederfindet. Die Wahrheitssuche bedeutet immer auch Suche nach sich selbst.

Und manchmal steht man sich Auge in Auge gegenüber. Wie auf jenem lichten Bild, das wie ein Aquarell wirkt. Das Gesicht des Mannes scheint hinter einem Farbschleier verborgen. Umso intensiver wird man seines Blicks gewahr; dieses fragenden, unbestechlich gnadenlosen Augenpaars. Was willst du von mir, fragt dieser Blick. Was erlaubst du dir eigentlich? Fragen, die sich der Fotograf immer wieder gestellt hat. Bis heute. Auch wenn er mit dem Ergebnis seiner fotografischen Wahrheitssuche im Niemandsland des Bewusstseins zufrieden sein darf. Schließen möchte ich mit zwei poetischen Imperativen. Den einen hat Erich Kästner formuliert: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Den anderen der italienische Schriftsteller Cesare Pavese: „Es ist schön zu leben, weil leben anfangen ist, immer, in jedem Augenblick.“ Das Leben als eigentlicher Sinn.

Text: Kulturpublizist Wolfgang Nußbaumer Fotos: Harald Habermann

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