Wie Daniel Barenboim die Welt mit Musik erklärt

Musiker, Macher, Mentor: Daniel Barenboim ist ein Weltstar der Klassik und Wahl-Berliner. Begonnen hat alles mit Fußball und dem Klavier. Demnächst wird der Maestro 75 Jahre alt.

Was treibt ihn an? Wie schafft er das, all die Reisen und Konzerte, eine neue Musikakademie, Proben, Interviews. Daniel Barenboim schweigt, Achselzucken, Stille. Er versteht die Frage nicht, zieht lange an der edlen Zigarre. Dann sagt er: «Ich höre immer wieder, dass ich so viel mache. Aber ich mache das, was mir gefällt.» Der Mittsiebziger wirkt tiefenentspannt. Um ihn herum formt der Rauch der Cohiba-Zigarre Kringel in der Luft.

Dann erzählt Barenboim vom Vater und der Mutter, zwei Klavierlehrern aus Buenos Aires, die ihm diese guten Anlagen wohl ins Nest gelegt hätten: «Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich so trainiert haben, dass ich mich sofort auf eine Sache konzentrieren kann. Viele Musiker brauchen viel Zeit dafür. Das geht bei mir ohne Vorbereitung.»

Barenboim, 1942 in Argentinien geboren und später in Israel aufgewachsen, ist ein Weltstar, ein Global Player der Musik. Er lebt in Berlin, besitzt vier Pässe – darunter einen palästinensischen, spricht mindestens ein halbes Dutzend Sprachen. Er war Chef der Pariser Bastille Oper. Er leitete das Chicago Symphony Orchestra. Und er ist einer der größten Klavierinterpreten unserer Zeit. Gerade hat er die renovierte Staatsoper Unter den Linden in der deutschen Hauptstadt wiedereröffnet, die er seit 25 Jahren leitet.

«Den einzigen Weltstar, den Berlin hat» nannte ihn der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Seine Plattenaufnahmen gehen in die Hunderte. Kürzlich sind die gesamten Einspielungen für Solo-Klavier erschienen, viele Stunden Musik auf 39 CDs. Barenboim, das Musikkraftwerk.

Generalmusikdirektor Daniel Barenboim steht am 29.09.2017 im Saal der sanierten Staatsoper in Berlin. Nach sieben Jahren Umbauzeit steht die Staatsoper Unter den Linden vor der Wiedereröffnung. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

DER BESONDERE KLAVIERSCHÜLER

Sein Werdegang – auf Englisch könnte man ihn als «bigger than life» bezeichnen, als einen Weg, der das Normalmaß sprengt. Der einflussreiche Kritiker Joachim Kaiser (1928-2017) sah in ihm das «letzte Genie der klassischen Musik».

Vielleicht liegt der Schlüssel zum Verständnis seines Lebens in der Kindheit zwischen Fußball auf einem Platz im beschaulichen Viertel Belgrano in Buenos Aires und dem Klavier im Elternhaus. Dort, wo Musik so selbstverständlich war wie die regelmäßigen Mahlzeiten. «Ich dachte lange, dass die Welt nur aus Klavierspielern besteht. Immer wenn es klingelte, stand ein Klavierschüler vor der Tür», erzählt er.

Dabei kommen sich Alltag, Genialität und Genuss schon früh nahe. Das erzählt er bei einem Treffen in der Pause von Wagners «Siegfried» im Berliner Schiller Theater. Der Künstler tritt in sein Arbeitszimmer, zündet eine Zigarre an. Ein Glas Wasser steht auf dem Couchtisch, der Maestro verschnauft. Das Büro ist ein Provisorium, die Staatsoper ist für die Zeit der Renovierung dort untergekommen. Ein großes Foto von Jerusalem hängt an der Wand. Dann berichtet er, wie er Artur Rubinstein mit 14 Jahren vorspielte.

DER JUNGE MIT DEN BERÜHMTEN WEGBEGLEITERN

Der legendäre Pianist habe ihn zu seiner ersten Zigarre verführt: Stundenlang musste er auf Rubinstein in Tel Aviv warten, bis dieser endlich auftauchte. Der Junge spielte ihm vor, dann lud ihn Rubinstein zum Abendessen ein. Zum Nachtisch hätten sie gepafft, der große Rubinstein und der kleine Daniel in den kurzen Hosen. Als er nach Hause kam, habe er die Tabakfahne vor der Mutter nicht verbergen können. Es gab Knatsch.

Solche Erlebnisse sprudeln aus Barenboim heraus. In diesen Momenten glänzen die Augen. Er blickt den Zuhörer neugierig an. Wartet, wie dieser wohl reagiert, freut sich, wenn er jemanden zum Lachen bringen kann. Die Schauspieler und Begleiter tauchen in den Erzählungen fast beiläufig auf, die Musikerkollegen und Komponisten, die Präsidenten und anderen Mächtigen. Doch man hört auch, wenn jemand ihm ganz nahe ist oder war, Freunde wie Plácido Domingo (76), Zubin Mehta (81) und Pierre Boulez (1925-2016).

Da ist zum Beispiel die Geschichte mit Leopold Stokowski in Paris. In den 50er Jahren traf der junge Pianist den britisch-amerikanischen Dirigenten im Haus des Komponisten Alexandre Tansman, eines guten Freundes von Igor Strawinsky. Was er in der Carnegie Hall in New York denn spielen wolle, habe ihn Stokowski damals gefragt. «Ich übe gerade Beethoven Nummer drei», antwortete der Zwölfjährige. «Guuuuut», habe der Dirigent gesagt – und befohlen: «Du spielst Prokofjew!» Zwei Jahre später gab Barenboim sein Debüt in der Carnegie Hall mit Sergej Prokofjews virtuosem Klavierkonzert Nummer eins. Er kehrte danach etwa 150 Mal nach New York zurück.

DER WELTERKLÄRER

Barenboim, der Welterklärer. Als solcher steht er mehr als 60 Jahre nach dem Treffen mit Stokowski am 20. Januar 2017 mal wieder auf der Bühne der Carnegie Hall. Gerade hat sich der Klangsturm von Anton Bruckners zweiter Sinfonie gelegt. Der Dirigent ergreift das Mikrofon und spricht zu den 2800 Menschen im Saal: Nein, nicht nur Amerika müsse besser werden, ruft er den Leuten zu. Die ganze Welt sollte wieder «great» sein. Sie jubeln, manche haben Tränen in den Augen. Am Nachmittag waren Hunderttausende durch Manhattan gezogen im Protest gegen den Mann vom Trump Tower. Dieser war wenige Stunden zuvor zum 45. Präsidenten der USA geworden.

Die kurze Rede wird ein Plädoyer zur Verteidigung der Kultur in stürmischen Zeiten. Der Gast aus Europa spricht amerikanischen Bildungsbürgern Mut zu. Als Botschafter der Alten Welt ist Barenboim ganz in seinem Element. Die Zeitung «New York Times» lobt wenige Tage später den «German Sound», den deutschen Klang, seiner Staatskapelle. An einem der New Yorker Abende schaut UN-Generalsekretär António Guterres in der Künstlergarderobe vorbei.

Ähnlich jubeln sie ihm 2011 in Gaza zu, als er vor palästinensischem Publikum dirigiert. Auch hier sieht sich Barenboim als Bote einer besseren Welt. «Wir sind hier als Friedensbotschafter», sagt er im Privatmuseum eines Baulöwen zu seinen Zuhörern, vor allem Schülern und Studenten. Mit befreundeten Musikern aus Orchestern in Berlin, Wien und Mailand waren sie am Vortag in der ägyptischen Grenzstadt Al-Arisch gelandet, nach langen Kontrollen durch den Gaza-Streifen gerast, vorbei an verstaubten Häuserfassaden, Autowracks und trockenen Gemüsefeldern.

Dabei stand das Konzert auf der Kippe. Kurz davor hatte ein US-Kommando Osama bin Laden erschossen. Die in Gaza herrschende Hamas hatte das Konzert des UN-Friedensbotschafters verboten. Bis spät in die Nacht hatte Barenboim in Al-Arisch seine Kontakte zu den Palästinensern spielen lassen. Am Ende gaben sie den Weg für Mozart frei. Und damit auch für Barenboim, den Träumer.

Daniel Barenboim, Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und Chefdirigent der Staatskapelle Berlin hält am 10.02.2015 in seinem Büro in Berlin eine Zigarre. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

DER NESTBESCHMUTZER UND DER AUSSÖHNER

Nach der Reise muss er sich heftige Kritik aus Israel anhören. Nestbeschmutzer, Verräter, heißt es. Er lässt sich nicht entmutigen. Mit dem West-Eastern Divan Orchestra, das er mit dem palästinensisch-amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward Said (1935-2003) im Jahr 1999 in Weimar gegründet hat, versucht er, dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern im Kleinen beizukommen.

Im Orchester spielen junge arabische und israelische Musiker. Es ist ein Versuchslabor der Aussöhnung. In Berlin hat Barenboim eine Akademie für das Orchester ins Leben gerufen. Die Musiker seien gezwungen, sich zuzuhören und für einen kurzen Moment politische und religiöse Gegensätze zu vergessen – im Dienst der Musik. So lautet die Barenboim-Formel, die er immer wieder verkündet.

Diese Utopie zerschellt zuweilen an der Realität. Seit Jahren spielt das Divan Orchestra nicht mehr in arabischen Ländern. Auch die Pläne, dass Barenboim mit der Staatskapelle Berlin unter deutscher Schirmherrschaft in Teheran auftritt, haben sich zerschlagen. Barenboim sei Jude und damit für die Iraner nicht akzeptabel, hatte die Begründung aus Teheran gelautet.

Weil aber Barenboim sein Verständnis der Welt von der Musik ableitet, weiß er auch, dass solche Rückschläge zur Lebenspartitur gehören. Musik und Welt – das bildet für ihn etwas Verbundenes: Der Klang, den es ohne Stille nicht gebe. Der vertikale Aufbau der Harmonie, die horizontale Bewegung der Melodie – immer wieder spricht und schreibt er in solchen Metaphern. Musik sei gleichzeitig alles und nichts, «tönende Luft», die allerdings auch missbraucht werden könne.

Als er 2001 Richard Wagner in Israel aufführt, löst er einen Eklat aus. Holocaust-Überlebende verbinden Wagners Musik mit den Selektionsrampen von Auschwitz. «Das ist die Musik aus den Konzentrationslagern», befindet ein Mann aus dem Publikum. «Eine Schande», «Faschist» schimpfen andere. «Wagner war antisemitisch, seine Musik nicht», verteidigt Barenboim den absoluten Wert der Musik und die Aufführung der Ouvertüre aus «Tristan und Isolde».

DER MANN DER MEHRFACHLEBEN

Hier spricht Barenboim, der Mann mit den Mehrfachleben. Dem Enkel russischer Einwanderer ist es wohl früh klar geworden, dass er mehrere Rollen zugleich spielen müsse. «Ich bin weder nur Jude, Argentinier oder in Deutschland lebender Musiker – ein moderner Mensch definiert sich vor allem durch die Möglichkeit, mehrere Identitäten zu haben», hat er dazu gesagt. «Wenn ich eine Bruckner-Sinfonie dirigiere, werde ich bewusst oder unbewusst zum Mitteleuropäer. Und wenn ich Tango am Klavier spiele, bin ich Argentinier.»

Der Künstler erinnert sich, diese Erfahrung bereits als Kind gemacht zu haben. «Wenn ich aufstand, war ich eine Dreiviertelstunde erwachsen und habe Klavier geübt. Dann ging ich in die Schule und war wieder Kind», sagt er. «Nachmittags habe ich geübt und danach Fußball auf der Straße gespielt. Meine Mutter hat mich um halb sechs vom Balkon gerufen, ich solle hochkommen, duschen und ein Konzert spielen oder in ein Konzert gehen.»

Das passt ins Buenos Aires der 40er Jahre. Bei den Hauskonzerten der Familie Rosenthal etwa. Zu Kaffee und Apfelstrudel treffen sich hier deutschsprachige Auswanderer. Barenboim tritt vor kleinem Publikum auf. Mit sechs Jahren lernt er dort beim Versteckspiel unter dem Flügel die etwas ältere Martha Argerich kennen – heute 76. Die beiden werden Freunde fürs Leben, auch die Pianistin macht später in Europa Karriere. Seit einigen Jahren sind sie enge Musikpartner.

Foto: Maurizio Gambarini

DAS WUNDERKIND AM PIANO

Aber bald wird Buenos Aires zu eng für das Wunderkind. Die Eltern suchen neue Chancen, die Familie zieht nach Israel. Eine Begegnung mit dem deutschen Musiker Wilhelm Furtwängler (1886-1954) wird zum Schlüsselerlebnis. «Ich hatte ihn in Buenos Aires mit der Matthäus-Passion gehört, und als ich ihm dann im Sommer 1954 in Salzburg vorgestellt wurde, war das natürlich etwas Besonderes.» Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker lässt den Jungen vorspielen. Mozart, Bach, Beethoven, Prokofjew – Furtwängler reagiert verhalten. Doch dann kommt der kurze Wortwechsel mit den Eltern.

In einem Empfehlungsschreiben heißt es schließlich: Barenboim sei «ein Phänomen». Furtwänglers Einladung, mit den Philharmonikern aufzutreten, schlägt der Vater aber ab. Für einen Juden sei es noch zu früh, zehn Jahre nach dem Holocaust in Deutschland zu spielen. Erst 1964, zum 10. Todestag Furtwänglers, führt er in Berlin dessen Klavierkonzert auf.

In den 50er und 60er Jahren reist Barenboim als Pianist durch die Welt, spielt mit Otto Klemperer Beethovens Klavierkonzerte ein und stellt die Weichen für seine zweite Karriere als Dirigent. So steht er seit 1967 vor den großen Orchestern in Berlin, New York und London. Und er muss einen persönlichen Schicksalsschlag verkraften. Seine Frau, die britische Cellistin Jacqueline Du Pré, stirbt 1987 nach langem Leiden an Multipler Sklerose. Später heiratet er die russische Pianistin Elena Bashkirova. Das Ehepaar hat zwei Söhne. Michael ist als Geigensolist unterwegs, David ist Hip-Hopper.

DER WAHL-BERLINER

Und so ist Barenboim seit einem Vierteljahrhundert auch Berliner. Er lebt in einer Villa in Berlin-Dahlem. In der Stadt wolle er auch begraben werden, sagt er. Die Musiker der Staatskapelle kommen schnell ins Schwärmen, wenn sie zu Barenboim befragt werden. Die, die schon länger dabei sind, sprechen ehrfürchtig vom «Chef». Der Maestro fordere viel, treibe sie zu Spitzenleistungen an. Und er könne sehr scharf schauen.

Mit offener Partitur steht er bei den Proben vor der Staatskapelle, selten blickt er in die Noten. Barenboim hat ein fotografisches Gedächtnis. «Noch einmal 27», ruft er zum Beispiel einen Takt zur Wiederholung bei einer Bruckner-Probe in New York auf.

Eine Zukunft ohne Barenboim kann sich die Staatskapelle schwer vorstellen. Sie haben ihn zum Ehrendirigenten auf Lebenszeit ernannt. «Und darüber hinaus», wie er im Scherz sagt. Am 15. November wird Daniel Barenboim 75 Jahre alt. An diesem Abend geht er arbeiten, oder besser: Er beschenkt sich mit einem Konzert in der Berliner Philharmonie.

Von Esteban Engel, dpa

 

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AhaKultur

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