Berliner lassen Blut in Strömen fließen

Wenn in Film und Theater Blut spritzt
Lars Köppling füllt am 21.09.2017 in der Produktion der Firma Kryolan in Berlin Filmblut der Sorte «Dunkel Standard» aus dem Rührgerät per Trichter in einen Plastikkanister. Die Firma Kryolan beliefert die Film-, Theater- und Fernsehindustrie seit mehr als 70 Jahren mit professionellem Make up und Zubehör. Foto: Sören Stache/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Berliner lassen Blut in Strömen fließen

Wenn in Film und Theater Blut spritzt, dann kommt es oft aus Berlin. Der künstliche Lebenssaft soll so echt wie möglich wirken – bis auf ein wichtiges Detail.

 

Berlin (dpa) – Die «Kreatur» kommt aus dem Herbstwald, schwankt auf Victor Frankenstein – gespielt von Peter Cushing – und seinen Lehrer Paul Krempe zu. Krempe hebt mit entschlossener Miene das Gewehr, zielt und drückt ab. Rotes Blut schießt hervor, als sich Monster-Darsteller Christopher Lee die Hand aufs Auge presst. Der vor 60 Jahren, am 27. September 1957, in die Kinos gekommene Trash-Film «Frankensteins Fluch» gilt als erster Horrorfilm, der Blut in Farbe zeigte.

Würde ihn ein Regisseur heute nachdrehen, käme das künstlich spritzende Rot höchstwahrscheinlich von Kryolan. Das Unternehmen mit Sitz im Berliner Ortsteil Gesundbrunnen lässt Schusswunden in Hollywood und nibelungische Blutbäder auf Theaterbühnen realistisch aussehen. In kleine Fläschchen und größere Kanister wird der rote Saft abgefüllt. Wer es besonders blutig braucht, bestellt gleich den 1000-Liter-Tank.

«Es darf nicht nach Blut riechen», nennt Betriebsleiter Lorenz Koch eine wichtige Eigenschaft des begehrten Produkts. Was die Blut- und Make-Up-Manufaktur in einer unscheinbaren Nebenstraße in unzähligen Varianten verkauft, duftet leicht fruchtig – ein bisschen wie Himbeer- oder Erdbeerbonbons. Hätte die Flüssigkeit den unangenehm-metallischen Geruch des Originals, wären wohl bei etlichen Schauspielern blasse Gesichter und Kreislaufprobleme die Folge.

Das Kunstblut muss unzähligen Anforderungen entsprechen, wie Koch erklärt: Für das Theater darf es nicht zu transparent sein, für die Filmkameras nicht zu dick. Es gibt «internes Blut», dass sich Mordopfer im «Tatort» aus dem Mund laufen lassen können. «Externes Blut» wiederum wird gebraucht, um – aus einem Beutel platzend – im Kriegsfilm einen Durchschuss zu simulieren. Für Spezialfälle hat Kryolan auch leuchtendes arterielles und rotbraunes venöses Blut im Sortiment.

 

Filmblut der Sorte «Dunkel Standard» wird am 21.09.2017 in der Produktion der Firma Kryolan in Berlin maschinell gerührt. Die Firma Kryolan beliefert die Film-, Theater- und Fernsehindustrie seit mehr als 70 Jahren mit professionellem Make up und Zubehör. Foto: Sören Stache/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++

Mal muss der künstliche Lebenssaft aussehen wie ein alter Kratzer, mal abwaschbar sein – wichtig für Theaterstücke, bei denen der Ärztekittel morgen wieder weiß sein soll. Es gibt blaues Blut für Aliens und dunkelbraunes für besonders eklige Horrorfilme (laut Etikett auch als Altöl-Imitat zu gebrauchen). Bestimmte Ware im Kryolan-Lager trägt die Aufschrift «Japan», weil das Land besondere Vorschriften für die Einfuhr bestimmter Farbstoffe hat.

Filme wie der Scharfschützen-Kriegsfilm «Enemy At The Gates», aber auch Arztserien wie «Emergency Room» verwendeten Kryolan-Blut. Die Nachfrage habe trotz Computer-Effekten nicht nachgelassen, sagt Koch. Auf die Spitze treiben es etwa die sogenannten Splatter-Filme wie «Braindead» (1992) des «Herr der Ringe»-Regisseurs Peter Jackson oder Quentin Tarantinos «Kill Bill: Volume 1» aus dem Jahr 2003.

Genretypisch überbieten sich hier die Filmemacher in der Menge des verwendeten Kunstbluts: Mehrere Hundert Liter gelten nicht als ungewöhnlich. Insofern hat sich seit den zaghaften Anfängen im Jahr 1957 viel verändert. Und wie findet das der Jugendschutz?

«Damals war es natürlich ein ständiger Kampf mit der Filmzensur», erzählt der auf Horror spezialisierte Filmwissenschaftler Rolf Giese. Streifen wie «Frankensteins Fluch» hätten es schwer gehabt, obwohl es eher der Kriegsfilm gewesen sei, der zur Mitte des 20. Jahrhunderts Blut gezeigt habe. Im Western dagegen seien die Regisseure mit Schussverletzungen «sehr dezent» umgegangen. Blut habe es auch schon in dem NS-Durchhalte-Film «Kolberg» (1945) gegeben. Der war Giesen zufolge sogar Goebbels zu blutig: Hitlers Propagandaminister ließ deshalb angeblich große Teile herausschneiden.

Heute bestimmt die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) darüber, wann ein Film dem (jungen) Publikum nicht zuzumuten ist. «Für uns ist die Gesamtaussage des Films wichtig», erläutert Sabine Seifert, die die Obersten Landesjugendbehörden bei der FSK vertritt. Dieselbe Gewaltszene könne in einem Antikriegsfilm zu einer Freigabe ab 16 Jahren führen, in einem Actionfilm mit einer brutalen, aber sympathischen Hauptfigur indes für eine Einstufung erst ab 18 Jahren sorgen.

Wirkt etwas sehr künstlich, verfremdet oder digital wie beispielsweise die überzeichneten Kampfszenen in «300», so wird dies als weniger bedenklich eingeschätzt. Ähnlich ist es laut Seifert bei japanischen Horrorfilmen, in denen das Blut aus den Stümpfen abgetrennter Gliedmaßen fontänenhaft sprüht. Die Zukunft der Berliner Spezialisten scheint insofern gesichert.

 

Von Oliver Burwig, dpa

Bilder, dpa

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