DER MOMENT, IN DEM DER ANDERE LOSLÄSST…

VOM SPIEL MIT DEM LICHT UND DEM ZUGANG ZUM MENSCHEN

Manche sagen, es sei ihm gelungen, die Essenz der Person einzufangen. Doch er ist bescheiden:

„Wenn überhaupt, habe ich den Zauber des Augenblicks festgehalten, indem ich versuchte, für die jeweiligen Hundertstelsekunden die zu porträtierende Person zu sein“, meint Andreas Wegelin. Manche Kunden begegnen ihm mit Skepsis. „Auf Fotos sehe ich immer komisch aus.“ Doch er zerschlägt den Zweifel mit einem Satz: „Auf meinen Bildern siehst Du nicht komisch aus!“ Und am Ende der Session mit einem seelenvollen Bild. Portraits gehören zur Königsdisziplin der Fotografie. Für den Betrachter sind sie ein Stück Menschheitsgeschichte, Sozialkunde im Kleinen.

Was macht ein gutes Foto aus? Die Technik zu beherrschen ist die Grundvoraussetzung. Doch die Technik allein macht eben nicht den wahren Wert des Fotos aus.

Was verleiht dem Foto die Seele? Es ist die Begegnung zweier Menschen. Dem Fotografen und der Person, die es zu fotografieren gilt. Es ist der Moment, in dem der Fotograf nah genug dran ist, um die Seele des anderen zu atmen. Sie einzufangen, so wie sie ist. Fern ab aller Klischees. Vorgefertigten Meinungen. Subjektiven Einstellungen. Im Hier und Jetzt. Andreas Wegelin mag einfache Menschen. Vor der Linse hatte er alle … den Alkoholiker, den Manager, die Mutter und die Businessfrau, den Verlagsleiter und den Metzger. Zu recht kommt er mit allen. Er ist unkompliziert. Er mag sie, mit all ihren Unvollkommenheiten und Fehlern. Wer den Menschen nicht liebt, wird seine Essenz bildlich nie erfassen.

DEN MENSCHEN IN ALL SEINEN FACETTEN ZEIGEN

„Ich sehe darin die Kunst, den Menschen in all seinen Facetten zu zeigen. Wild und ungestüm oder fröhlich, unbeschwert, glücklich. Aber auch verletzlich, leidend, einsam, provokativ, kreativ…“ , so Wegelin. Seine Art ist unbeschwert. Sein Umgang mit den Kunden brüderlich. Das macht es für denjenigen der vor der Kamera steht, leichter loszulassen. Sich zu entspannen – er selbst zu sein. Diesen Augenblick einzufangen, versteht Wegelin als seinen Auftrag. Seine Mission. „Es geht um diesen einen Moment, in dem der Porträtierte loslässt, entspannt und bereit ist, etwas von sich preiszugeben.“

Fotografien die Andreas Wegelin zeigen, wirken provokativ. Seine schwarzen langen Haare meist zu einem Zopf gebunden, wirken wild. So wild wie sein Temperament. Ein Kraftpaket, eine Hüne mit scheinbar unendlichen Energieressourcen. Bilder zieren seine Haut, seinen Lächeln ist verschmitzt. Sein russischer Akzent lässt erahnen, dass sein Leben nicht immer geradlinig war. In seiner alten Heimat, die in Mittelasien liegt, zeugen die Gesichter der Bewohner von einem Problembezirk.

In dem junge Frauen schon früh Kinderwagen vor sich her schieben, stark geschminkt, rauchend … Männer, die im Morgenlicht erst die Kneipe verlassen, in der sie die Nacht durch gezecht haben. „Es gab Straßen, die man besser nicht betrat“, erinnert er sich. Besonders bei Nacht. Wenn die Schatten lang und die Beleuchtung notdürftig war. Und nur noch vereinzelt Licht hinter den Fenstern brannte, helle Punkte im Beton der Plattenbausiedlung, in der sich die Russlanddeutschen nie wirklich zu Hause fühlten.

Einst von den Zaren nach Russland geholt, wurden sie zwischen den Machtinhabern des totalitären Staates regelrecht zermahlen. Ihre Sprache verboten. Als in den Neunzigern die Auswanderung begann, sprachen in Kasachstan nur noch wenige ein rostiges Deutsch. Trotz aller Widrigkeiten haben viele Familien die deutschen Traditionen weitergegeben. Für viele, so auch für Familie Wegelin, war Deutschland der Traum von einem besseren Leben. Der Traum von der alten, neuen Heimat. Mit vierzehn Jahren kam Andreas Wegelin nach Deutschland. Seine erste Kamera, eine russische Zenit, die er mit elf Jahren bekam, ließ er dort zurück.

In der neuen, alten Heimat Deutschland öffnete ihm die Musik den Weg zurück in die Kreativität. Am Schlagzeug konnte er seine Energie in neue Bahnen lenken, ausdrücken was ihm auf der Seele brannte. 2004 kaufte er sich eine Kamera und fotografierte alles, was ihm vor die Linse trat: Stadtfeste, Stimmungen, Landschaften, Porträts. Einen Workshop belegte er nie. Er verschlang Bücher über Bücher, ausschließlich Fachliteratur, testete die Einstellungen. Und fand heraus, welche Einstellung, welche Stimmung ausdrückt. Die Fotografie empfand der gelernte Zerspanungsmechaniker als guten Ausgleich zu seinem Beruf.

DER WENDEPUNKT

Auf der Suche nach Leben, der pulsierenden Kraft, die alles antreibt und nie stillzustehen scheint, führte ihn sein Weg nach Bangkok. Honeymoon in Bangkok, der Stadt, die niemals schläft. An seiner Seite, die Frau seines Lebens, im Rucksack die Kamera. Zwei Tage erhaschten die Beiden flüchtige Augenblicke des Großstadtdschungels. Hielten bildlich fest, was Bangkok zur Stadt der Städte macht. Dann ging es per Inlandflug nach Ko Samui.

„Den Flieger hätten wir beinahe verpennt“, meint Andreas und grinst. In Windeseile ging es zum Flughafen. Im Hotelzimmer auf Ko Samui kam die Ernüchterung: die Kamera war weg. Seine Frau Claudia nahm es gelassen: „Wenn Gott will, bekommst du die Kamera wieder.“

Das brachte sein Blut erst recht an den Siedepunkt. Doch all die Wut, all der Zorn führte zu nichts: die Kamera war weg. Der Rückflug nach Deutschland war wieder über Bangkok geplant, noch eine Nacht wollte sich das junge Paar in der schlaflosen Stadt gönnen. Noch einmal durch die Straßen ziehen, vorbei an den unzähligen Restaurants, bei denen man schon von der Straße aus in die Küche sehen kann.

Bis plötzlich ein lauter Schrei durch den Lärm drang: „Sir, Miss, wait …“ Es war der Taxifahrer der beide zum Flughafen brachte. Die Kamera hatten sie in seinem Taxi beim hektischen Aussteigen einfach liegen lassen. Er brachte sie in der Tat am nächsten Morgen in das Hotel. Das grenzt in einer acht Millionen Stadt an ein Wunder. Und so verstand es Andreas Wegelin auch.

Wieder in Deutschland angekommen, begann er sich ein Studio einzurichten. Fotografierte Hochzeiten, Kinder, schrieb 1000 Mails an Firmen, bot kostenlos seine Dienste an, um Referenzen zu sammeln. Als der Fotograf Friedrun Reinhold nach Hamburg ging, zog Wegelin in sein Studio ein. Er übernahm auch einen Teil seiner Kunden. Von 2014 an arbeitete er an unzähligen Sonderproduktionen für die Verlagsbranche.

Sein Portfolio wurde immer breiter, die Nachfrage immer höher, sein Kundenstamm stetig größer. Die Einsatzbereiche seiner Kunst reichen von Presse, über Geschäftsberichte bis hin zu Magazinen und Werbung für große Unternehmen und hippe Marken. Zufriedene Kunden sind sein Markenzeichen. Seine Bildsprache unverkennbar: seelenvoll, lebendig, echt und selbstverständlich technisch einwandfrei. Der Weg zu dieser Kunst war lang und hart. Gezeichnet vom unerbittlichen Ver- suchen, die optimale Einstellung zu finden und die perfekte Perspektive. Schlaflose Nächte, unzählige Überstunden, kaum Zeit für die Familie. Doch die unterstützt ihn auf seinem Weg. „Ohne meine Frau hätte ich das nie gekonnt“, gesteht er. Fünf abgeschlossene Ausbildungen habe sie. Doch sie opferte ihre Karriere für seine und dafür ist er ihr unendlich dankbar.

Andreas Wegelin

Geb. 1979 in Mittelasien
2014 :: Eröffnung Atelier Kreativ Raum in Aalen/Ostwürttemberg
2012 :: Internationale Auszeichnung im Bereich Portrait
2011 :: Aufnahme bei HENSEL (Rubrik Masters)

Weiterer Schwerpunkte: Businessfotografie | People | Magazine | Architektur | Food | Produkte

www.andreaswegelin.de

Kategorien
Portrait

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